Mehrheit ist keiner der Namen Gottes

Rupert Neudeck

Rupert Neudeck ist promo-vierter Theologe, Journalist und bekannt geworden durch seine Nothilfe für Menschen in Bedrängnis – unter anderem Bootsflücht-linge aus Vietnam. / Foto: Grünhelme

Von Rupert Neudeck, Troisdorf, Deutschland

Mehrheit ist keiner der Namen Gottes, könnte man mit Martin Buber, ihn variierend sagen. Dass Gott nicht darauf sieht, ob Gläubige mit einer Zahl von über 50 Prozent in einer Gesellschaft oder einem Staat sind, oder nur mit 5 Prozent, das dürfte uns allen einleuchten: Christen, Muslimen, Juden.

Wenn Christen bedroht sind, wie jüngst nach dem US-Krieg gegen den Irak und jetzt in Syrien, hat dies mit dieser Minderheitenposition zu tun. Aber es hat auch damit zu tun, dass wir daraus lernen sollen. Sie fühlen sich sehr bedroht, weil sie vorher auch in zu guter, manchmal sogar privilegierter Kollaboration zu den jeweiligen Diktatoren und Regimen gestanden haben. Das konnte man damals schon verstehen, das ist in einem Staat immer auch ein guter Schutz. Aber wenn man Privilegien zur Zeit eines Regimes beansprucht, darf man sich nicht wundern, dass diese nach dem Sturz eines Regimes nicht nur nicht mehr bestehen, sondern dass auch der Status eines, der vorher halb oder ein Viertel Kollaborateur war, befragt, bezweifelt, manchmal attackiert wird.

Deshalb ist der beste Arbeitsplatz für uns Christen, wenn wir etwas für unsere bedrängten Brüder und Schwestern in Ägypten, im Irak, in Syrien tun wollen – die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Hier fühlt sich eine Minderheit von Muslimen andauernd an den Pranger gestellt. Dass wir das nicht mehr merken, bedeutet nicht, dass es das als gesellschaftliche Wirklichkeit nicht gibt. Hier sollten wir mehr tun, von unseren Mitbürgern, die Muslime sind, als unseren muslimischen Brüdern und Schwestern reden und von ihnen so denken.

Dass es auf der Welt eine ganze Menge Verbrecher gibt, die sich das muslimische Glaubensverständnis als Kleid oder Mantel umhängen, ist unbestritten. Aber die ganz überwältigende Mehrheit der Mitbürger, die Freitags in eine Moschee gehen und die Gebote des Islam einhalten, möchte besonders mit uns Christen ein gutes, ja am liebsten ein herzliches Verhältnis haben. Ich habe das so oft erleben müssen, und mich dann etwas geschämt, dass so viele meiner Mitbürger das nicht sehen wollen.

Nun hat uns ein jüdischer Mitbürger noch mal die Augen geöffnet: Elias Davidsson, er muss schon älter sein, älter als ich bin. Und dabei halte ich mich immer für sehr alt (sorry: Jahrgang 1939)

Der hat jüngst einen Brief an Anne Will (ARD/WDR) geschrieben und mir als Christen die Augen geöffnet, wie blind und unsensibel wir durch unsere Gesellschaft und unsere Medien gehen und als Konsumenten uns verhalten, ohne zu bemerken, dass schon die Titel von Sendungen beleidigend und diskriminierend sind. Anne Will hat vor zwei Wochen eine Sendung gemacht mit dem Titel „Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime?“. Elias Davidsson sagt der Moderatorin Anne Will in dem Brief: Schon der Titel sei falsch gewesen, denn es sei völlig falsch von „Allahs Kriegern“ zu sprechen, denn Allah/Gott befehlige keine „Soldaten“, die Bundeswehr dagegen sehr viele. Solche sensationslüsternen Titel sollte man nach Elias Davidsson unterlassen, weil sie dem Feindbild „Islam“  Vorschub leisten.

Davidson ist, wie er selbst erklärt, in Palästina geboren, kennt aus eigener Erfahrung eine gemischte Gesellschaft: Juden, Christen, Muslime. Sensibel sei er gegen Antisemitismus, reagiere aber ähnlich empfindlich auf die andere Seite der Medaille, die Islamophobie. Heutzutage werde Terrorismus mit dem Islam verknüpft und Muslime verleumdet.

Und er bittet uns – und das gehört zu unserem Thema „Bedrängte Christen“ – wahrzunehmen, dass es keinen islamistischen Terrorismus in Deutschland gibt. Die Mehrheit der Muslime lebt hier friedlich, lernt, arbeitet, hat eine Familie. „Auch jene, die über die deutsche Außenpolitik gegenüber den arabischen Ländern empört sind, gehen auf Demos und unterschreiben Petitionen. Das ist eine Binsenweisheit, die keine Talkshow je gebracht hat, weil sie weder eine Sensation ist noch geliebte Vorurteile bestätigt: Dass nämlich hier in Deutschland die Muslime eine friedliche Minderheit darstellen, und dass die Behauptung, es bestünde hier eine terroristische Gefahr durch Muslime, einfach nicht stimmt.“ Noch einmal: Das sagt uns ein jüdischer Mitbürger, der in der Nähe von Köln wohnt, dessen Eltern aus Deutschland stammen, die sich Gott sei Dank in Sicherheit bringen konnten vor dem Dritten Reich.

Davidson schreibt: „Muslime in Deutschland sind Opfer, keine Täter. Als Jude muss ich heute die Würde der Muslime gegen Vorurteile schützen. Und das sollte jeder anständige Mensch auch tun“.

Ich zeigte das einem Muslim_Deutschen in Aachen. Er sagte mir: „Das, was mein jüdischer Bruder da geschrieben habe, hat ihm aus dem Herzen und der Seele gesprochen“

Rupert Neudeck ist Vorsitzender der Grünhelme e.V.

Ein Kommentar

  1. Manfred Link sagt:

    Gegen friedliche Moslems hat in Deutschland kaum jemand etwas.
    Es läßt sich doch nich leugnen, daß es viel moslemische Haßprediger gibt und die jungen Leute auf diese Verbrecher hereinfallen und radikal werden.
    Außerdem werden die Christen in allen überwiegend muslimischen Länder mehr oder weniger unterdrückt und verfolgt.
    Beispiel Türkei und Saudiarabien.
    Man muß ja bald fragen, wo die radikalen Moslems keine Probleme machen, z.B. Nigeria, Pakistan.
    Wenn eine weltweite Bedrohung, durch radikale Gruppen existiert, muß man doch fragen dürfen wo die Ursachen liegen.

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