Pater Ismartono SJ: Harmonie der Religionen in Indonesien steht auf der Kippe

Pater  Ignatius Ismartono SJ. Foto: INT

Pater Ignatius Ismartono SJ. Foto: INT

Statement von Pater Ignatius Ismartono SJ, ehem. Exekutivsekretär der Kommission für Interreligiösen Dialog der Indonesischen Bischofskonferenz, beim Pressegespräch zur Vorstellung der Arbeitshilfe „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit – Indonesien“ am 4. Dezember 2013 in Berlin (es gilt das gesprochene Wort). 

Zunächst möchte ich der katholischen Kirche in Deutschland danken, dass sie die Aufmerksamkeit auf die Situation in Indonesien lenkt und sich besonders mit der Frage des interreligiösen Zusammenlebens in meinem Heimatland befasst. Die Tatsache, dass am Zweiten Weihnachtstag in katholischen Gottesdiensten in Deutschland besonders derer gedacht wird, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt oder bedrängt werden, halte ich für ein sehr wichtiges Zeichen der gegenseitigen Verbundenheit.

Was die Situation der Christen in meiner Heimat betrifft, so wird allgemein von einer Verschlechterung gesprochen. Ich will versuchen, diese Entwicklung anhand zweier Beispiele zu illustrieren:

  • Es wurde bereits erwähnt, dass es in Indonesien immer wieder zu Auseinandersetzungen den Neubau von Kirchen betreffend kommt. Die Vorfälle in den protestantischen Jasmin- und Philadelphia-Gemeinden in Bogor mögen hier als einschlägige Beispiele dienen, die auch internationale Aufmerksamkeit erzielt haben. Die Schwierigkeit beim Kirchenneubau besteht darin, dass eine ganze Reihe von Regularien zu erfüllen sind. Dieses Regelwerk wurde 2006 in einer Gemeinsamen Anordnung (Joint Regulation) zusammengefasst, die vom Minister für Religiöse Angelegenheiten und vom Minister für Inneres erlassen wurde. In Paragraph 14 dieser Anordnung ist beispielsweise festgelegt, dass für den Bau eines neuen Gotteshauses mindestens 60 Unterstützer aus der lokalen Bevölkerung notwendig sind. Außerdem ist eine schriftliche Empfehlung des Leiters des Bezirksministeriums für Religiöse Angelegenheiten erforderlich. Solche Regularien führen zu dem Problem, dass insbesondere kleinere religiöse Gruppen Mühe haben, die notwendige Unterstützung auf lokaler Ebene zu finden, um ihr Gotteshaus zu bauen.
  • Als zweites Beispiel möchte ich den Fall der christlichen Politikerin Susan Jasmine Zulkifli erwähnen, die Leiterin eines Unterbezirkes in Jakarta ist. Anfänglich wurde infrage gestellt, ob eine Nicht-Muslima die Leitung eines mehrheitlich muslimischen Gebietes innehaben könne. Selbst der indonesische Innenminister, Gamawan Fauzi, äußerte sich im Oktober noch dahingehend, dass Frau Zulkifli versetzt werden solle. Obwohl sie schließlich doch im Amt bleiben konnte, zeigt dieser Fall deutlich, dass Angehörige von Minderheitengruppen oft nur nach ihrer religiösen Zugehörigkeit beurteilt werden. Dies kommt einer ernsthaften Einschränkung der politischen Gestaltungsmöglichkeiten dieser Minderheiten gleich. Indem man Minderheiten ihre Rechte entzieht, weckt man bei ihnen das Gefühl, ausgeschlossen zu sein.

Wann immer eine solche Verschlechterung der Situation von Minderheiten eintritt, widerspricht dies den grundlegenden Werten unseres Gemeinschaftslebens: Es widerspricht unserer nationalen Ideologie (Pancasila). Es widerspricht unserer Verfassung. Es widerspricht unserem Willen, Indonesien als unsere Nation zu begreifen. Es widerspricht sogar der Gemeinsamen Anordnung des Religions- und des Innenministers, in der eindeutig davon die Rede ist, dass die einzige Absicht dieser Anordnung darin besteht, die Harmonie zwischen den religiösen Gruppen in Indonesien zu wahren. Eine solche Verschlechterung widerspricht nicht zuletzt den Worten des indonesischen Staatspräsidenten, Susilo Bambang Yudhoyono, der in seiner Rede anlässlich des diesjährigen Unabhängigkeitstages sagte: „Wir können es nicht rechtfertigen, wenn eine religiöse Gruppe einer Minderheit ihren Glauben aufzwingt, insbesondere durch Bedrohung, Einschüchterung oder Gewalt.“ Von einem solchen Aufzwingen des Glaubens sind nicht nur die Christen, sondern auch die muslimischen Minderheiten, also die Ahmadiya- und die Shia-Gemeinden, betroffen.

Hinter all diesen freundlichen Reden verbirgt sich bei vielen indonesischen Bürgern jedoch ein Gefühl der Unruhe, besonders in Bezug auf religiöse Angelegenheiten. Religionen werden nicht mehr als Inspirationen für ein Leben in Frieden und Gemeinschaft angesehen. Die gegenwärtige interreligiöse Kommunikation droht, die guten und inspirierenden Erzählungen über das harmonische Leben auf dem Archipel auszulöschen. Wenn es hier nicht zu einer entschiedenen Intervention und Veränderung der Situation kommt, werden wir nur in eine düstere Zukunft schauen können.

Ich bin daher dankbar dafür, dass Erzbischof Schick die Bedeutung der Erziehung für den Aufbau des Friedens hervorgehoben hat. Gerade der Aspekt, dass Bildung mehr ist als die Vermittlung von Fachwissen, verdient Aufmerksamkeit. Werte hängen sehr mit der Herzensbildung eines Menschen zusammen. Vielleicht darf ich daher abschließend einige Passagen aus den Pastoralbriefen der Indonesischen Bischofskonferenz vortragen, die den Gläubigen dabei helfen sollen, Orientierung in einer pluralen Gesellschaft zu finden. Die Bischöfe ermutigen dazu,

  • einen Geist der Geschwisterlichkeit und Gleichheit innerhalb der Glaubensgemeinschaft zu entfalten, um so auch einen Referenzrahmen für das Zusammenleben in ganz Indonesien zu entwickeln,
  • das Gefühl der Angst und des Verdachts zu überwinden, indem man sich aufeinander zu bewegt und miteinander spricht,
  • sich immer auch um das Schicksal der anderen zu kümmern, insbesondere derjenigen, die vernachlässigt werden, arm oder schwach sind,
  • die Frage der islamischen Gesetzgebung in ihrer Tiefe zu begreifen und gemeinsam mit den Angehörigen anderer Religionen die Werte zu entdecken, „die unsere Nation aus ihrem Grab ziehen und das zerstörte Bild Gottes wiederherstellen“.

Nochmals vielen Dank für die Gebete, die Anstrengungen und die Großherzigkeit, mit denen Sie in Deutschland dem globalen Problem der Ungerechtigkeit begegnen. Es ist auch für uns in Indonesien ein Ansporn, uns weiter mit diesen Fragen zu befassen.

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