Nigeria – den öffentlichen Raum zurückgewinnen

Bischof Matthew Hassan Kukah im Gespräch mit Muslimen im Nordosten Nigerias. Foto: missio / Bettina Tiburzy

Bischof Matthew Hassan Kukah im Gespräch mit Muslimen im Nordosten Nigerias. Foto: missio / Bettina Tiburzy

Von Bischof Matthew Hassan Kukah, Diözese Sokoto, Nigeria

aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Matthew Hassan Kukah ist Bischof der Diözese Sokoto im Nordosten Nigerias. Er fordert vor allem, dass sich die Menschen in den von der Terrorgruppe Boko Haram heimgesuchten Regionen nicht aus dem öffentlichen Raum vertreiben und Christen nicht gegen Muslime ausspielen lassen. Hier Auszüge eines Berichtes von Bischof Kukah an missio Aachen:

Was können wir in Nigeria angesichts des Terrors von Boko Haram tun? Nun – neben vielem anderem ist es vor allem notwendig, den öffentlichen Raum zurück zu gewinnen, um unserem Volk zu helfen, die Furcht zu überwinden. Es ist nötig, das Militär und die Sicherheitsbehörden für die Arbeit, die sie tun, endlich zu würdigen, statt sie bloß zu verurteilen. Denn, ehrlich gesagt, sie haben viel getan, und es sind Fortschritte gemacht worden. In die meisten Teile des Nordens Nigerias außerhalb der Staaten Yobe, Borno – und in einem geringen Maße Adamawa -, ist der Frieden zurückgekehrt.

Fronleichnamsprozession durch Sokoto

Dennoch müssen wir uns bemühen, Strategien zu entwickeln, die unser Volk ermutigen, keine Angst zu haben. So führte ich beispielsweise im vergangenen Jahr am Fronleichnamsfest eine Prozession mit dem Allerheiligsten durch fünf Straßen der Stadt Sokoto. Unsere Prozession dauerte fast drei Stunden. Sie wurden in den lokalen und nationalen Medien übertragen. Ich bekam zahlreiche Reaktionen aus dem ganzen Land von Leuten, die uns lobten und sagten, dass sie nie gedacht hätten, dass so etwas im Norden, geschweige denn in Sokoto, geschehen könnte. Ein prominenter Muslim, der die Prozession gesehen hatte, sandte mir eine SMS mit diesen Worten: Ich möchte Sie loben dafür, dass Sie Ihrer Herde vorangehen und ihr zeigen, wie sicher unsere Stadt ist. Nur Sie hätten dies tun können. Ich erweise Ihrem Mut Ehre! Für mich war es eine kleine Geste zu sagen, dass dies unser Land ist und dass wir – mit Gott an unserer Seite – keine Angst haben sollten.

Wir müssen beten und unser Volk weiterhin bestärken. Das gilt auch für die gegenseitige Bestärkung der christlichen und muslimischen Autoritäten. So sind zum Beispiel vier im Fokus der Öffentlichkeit stehende traditionelle muslimische Herrscher aus dem Norden dem Tod mehrere Male knapp entronnen, ihre Paläste wurden zerstört. Ein prominenter Anführer einer muslimischen Gruppe in Zaria wurde gemeinsam mit seiner Frau niedergeschossen, wofür Boko Haram die Verantwortung mit der Begründung übernommen hat, dass das Opfer seine Anhänger ermuntert habe, sich westliche Ausbildung anzueignen und er selbst gerade an seiner Masterarbeit im Ingenieurwesen gearbeitet habe! Christen wie Muslime leiden unter dem Terror.

Muslime sind auch Opfer von Boko Haram

Einige von uns Christen fokussierten sich bisher zu sehr darauf, dass Boko Haram ein gezielter Angriff der Muslime war, um die Christen und das Christentum zu beseitigen. Einigen von uns, die dagegen einwandten, dass dies nicht der Fall sei, wurde dann vorgeworfen, die Realitäten zu verkennen. Durch dieses pauschale Schwarz-Weiß-Denken aber, das keine Grautöne zuließ, wurden der gegenseitige Argwohn und das Misstrauen nur noch verstärkt. Wir ergriffen noch nicht die Gelegenheit für eine geschlossene Front unter den Autoritäten beider Religionen. Jetzt erkennen wir, dass die Dinge komplizierter sind und dass – wenn wir die Sache allein in einem Schwarz-Weiß-Raster betrachten – eigentlich die Muslime die Hauptleidtragenden sind, was die Zahl der Getöteten und des zerstörten Eigentums im Vergleich zu den Zahlen unter den Christen betrifft. Die 130 Menschen zum Beispiel, die kürzlich bei einem Anschlag von Boko Haram in Izge in Bornu getötet wurden, waren alles Muslime – ebenso wie die Mitglieder von Hunderten weiterer muslimischer Gemeinschaften, die das Ziel erbarmungsloser Überfälle waren. Hier brauchen wir neue Gesten.

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