Indien: Wachsende Unsicherheit bei den Minderheiten

von Fr. Dominic Emmanuel SVD, Indien

Fr. Dominic Emmanuel SVD setzt sich für den interreligiösen Dialog in Indien ein. In Sukhdev Vihar, im Süden von Neu Delhi, leitet er das Institut für Kommunikation und Interreligiösen Dialog. Er arbeitete viele Jahre als Radiojournalist zum Thema “communal harmony” und wurde 2008 mit dem Preis “National Communal Harmony Award” in Indien geehrt. Er ist Mitbegründer des Parlaments der Religionen (Sarvadharam Sadbhav). Hier kritisiert er die Situation der religiösen Minderheiten in Indien und fragt sich, ob das Land zu einem “anderen Pakistan” abgleitet:

Fr Dominic Emmanuel SVD (Foto: privat)

Fr Dominic Emmanuel SVD (Foto: privat)

Bei seiner Rede vor der feierlichen Vereidigung im Plenarsaal des Parlaments sprach Premierminister Narendra Modi über das Parlament als den „Tempel der Demokratie“.

Noch immer bekommen wir Stellungnahmen zu hören wie etwa vom Minister Deepak Dhavlikar aus dem Bundesstaat Goa, denen zufolge „Premierminister Narendra Modi aus Indien künftig eine hinduistische Nation machen könnte, wenn er die uneingeschränkte und volle Unterstützung und den Rückhalt von ‚uns allen‘ bekäme“. So, als ob die 31 Prozent (der Gesamtstimmen bei den Parlamentswahlen) kein Votum für eine Entwicklung, sondern für eine hinduistische Nation gewesen wären.

Solche Leute scheinen taub für das zu sein, was der renommierte Jurist Fali S. Nariman beim siebenten jährlich stattfindenden Vortrag der Nationalen Kommission für Minderheiten (NCM) sagte, als er erklärte: „Wir bekommen nun schon fast täglich die Schmähreden von einer oder mehreren Personen oder Gruppen gegen die eine oder andere Bevölkerungsgruppe zu hören, die einer religiösen Minderheit angehört. Dabei wurde kritisiert, dass die Mehrheitsregierung nichts getan habe, um diese Schimpftiraden zu stoppen. Das meine auch ich.“

Er fügte weiter hinzu: „Diejenigen, die sich in Hassreden ergehen, müssen durch ein von der Kommission (NCM) eingeleitetes Gerichtsverfahren daran gehindert werden, weil dies das Organ ist, das die Minderheiten in Indien vertritt… man muss gerichtlich dagegen vorgehen, und das Verfahren muss weit verbreitet werden… Nur so kann das Vertrauen der Minderheiten in die NCM wiederherstellt werden“. Gegen Sadhvi Niranjan Jyoti sollte nach Paragraf 153 (A) des indischen Strafgesetzbuches IPC ein Strafverfahren wegen „schamloser Verunglimpfung“ von Minderheiten angestrengt werden.

Doch meine Sorge gilt nicht nur den Äußerungen von Sadhvi Niranjan Jyoti, sondern auch der Geisteshaltung der wiederauflebenden Jünger der Hindutva-Bewegung, die lautstark die Schaffung des „hinduistischen rashtra“ fordern.

Eine solche Denkweise stellt für alle Minderheiten – für Frauen, für die Dalits (die Nachfahren der indischen Ureinwohner) sowie für alle kulturellen, religiösen und Sprachminderheiten – eine Bedrohung dar, denn ihr Programm besteht eindeutig darin, all jene zu beseitigen, die anders sind, und sei es auch nur ein bisschen. Die Hindutva-Bewegung glaubt an „die eine Nation, das eine Volk, die eine Kultur“.

Der größten Bedrohung steht die christliche Minderheit gegenüber, da sie im Unterschied zu den Sikhs und den Muslimen, die sich an bestimmten Orten konzentrieren, im ganzen Land dünn verteilt ist. Nonnen und Priester, die in abgelegenen Gebieten tätig sind, bangen um ihr Leben und ihre Institutionen.

Die Autoritäten der christlichen Missionsschulen werden schikaniert, damit sie beispielsweise Statuen der Göttin Saraswati aufstellen, oder es wird von ihnen gefordert, keine Kirchenlieder zu singen. In zahlreichen Fällen wurde von Pfarrern berichtet, die wegen der Feier von Gottesdiensten zusammengeschlagen wurden – sogar an Orten wie in der Satellitenstadt Greater Noida in Delhi (Kalkaji) im letzten September, ganz zu schweigen von entlegenen Gebieten in Chhattisgarh, Rajasthan und Madhya Pradesh.

Und nun werden Kirchen überfallen – etwa auf die St.-Sebastian-Kirche in Dilshad Garden und in Jasola (6. Dezember), beide in Delhi gelegen, ganz zu schweigen von Orten wie Orissa.

Die Gerüchte wie auch die Ängste innerhalb der christlichen Gemeinschaft nehmen zu. Herr Modi ist nicht nur der Premierminister der Hindus. Er ist der Premierminister von Indien. Man sollte ihn nicht daran erinnern müssen.

Wo das alles hinführen wird, sollte nicht nur den Christen, sondern uns allen ein Anliegen sein, die wir nicht erleben möchten, dass Indien sich von einer säkularen Demokratie zurückentwickelt und in ein „anderes Pakistan“ abgleitet. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um unser multireligiöses, multikulturelles und mehrsprachiges Vaterland zu retten.

> aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

> Infos zu Indien und missio-Projekten in Indien hier

 

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