Ein Jahr Regierung Modi in Indien: “Es herrscht die ständige Angst”

Ajaya Kumar Singh aus Bhubaneswar, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Odisha. (Foto: privat)

Ajaya Kumar Singh aus
Bhubaneswar, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Odisha. (Foto: privat)

Die Situation der Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionen in Indien hat sich nach einem Jahr Regierungszeit von Narendra Modi dramatisch verschlechtert: Das behauptet im Gespräch mit missio Aachen der indische katholische Priester und Menschenrechtler Ajaya Kumar Singh. Er berichtet von brennenden Kirchen, Morddrohungen, Zwangskonversionen und der Ausbreitung der totalitären Ideologie des Hindu-Nationalismus. Von Jeanette Aretz

Hinweis: Ein Medienpaket zur aktuellen Situation in Indien können Sie auf www.missio-hilft.de hier lesen.

 

Herr Ajaya Kumar Singh, wie hat sich die Situation für Nicht-Hindus im ersten Jahr von Narendra Modis Präsidentschaft verändert?
Die Diskriminierung von Christen und Moslems hat rapide zugenommen. Früher gab es Anschläge in ländlichen Gegenden, heute sogar in der Hauptstadt. Die Abgeordneten der Modi-Regierung betreiben eine ständige Hasskampagne, außerdem äußern sich sowohl die Verfassungsschutz- und Finanzminister als auch das Parlament offen zugunsten von nationalen Anti-Konversionsgesetzen.

Damit soll ja das Verbot der Konversion vom Hinduismus zu einer anderen Religion vorbereitet werden. In einigen Bundesstaaten gibt es diese Gesetze schon. Woran macht sich der Hindu-Nationalismus noch bemerkbar?
Wir müssen ohnmächtig zusehen, wie beispielsweise diejenigen, die nach Anschlägen auf Kirchen verhaftet wurden, nicht zur Rechenschaft gezogen werden und in einzelnen Fällen sogar noch mit guten Jobs „belohnt“ wurden. Wie zum Beispiel im Falle der anti-muslimischen Gewalttaten in Muzaffarnagar in Uttar Pradesh. Kürzlich wurde von einer christlichen Menschenrechts-Organisation Bericht über die ersten 300 Tage der Modi-Regierung veröffentlicht, der eine enorme Zunahme an Gewalt während dieses Zeitraums dokumentiert. Der heutige Premier Modi selbst hat eine Vergangenheit, die offenkundig zeigt, dass er von einer Ideologie und Gruppen geprägt ist, die Christen und Muslime als Feinde auffassen. Jetzt sind diese Gruppen alleine an der Macht, die sie nutzen, um ihre Ideologie zu stärken.

Langsam aber sicher infiltrieren Hindu-Nationalisten den demokratisch-säkularen Charakter des Staates in Indien mit ihrer totalitären Ideologie. Gesetzesbrecher machen Gesetze

Langsam aber sicher infiltrieren sie den demokratisch-säkularen Charakter des Staates mit ihrer totalitären Ideologie. Um es in einem Bild zu sagen: Heute machen Gesetzesbrecher die Gesetze. Abgeordnete der Regierungspartei übernehmen eine tragende Rolle in den Kampagnen zur Konversion von Christen zu Hindus.

Das klingt äußerst bedrohlich.
Angst und Unsicherheit nehmen zu. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Wenn Du Christ bleibst, wirst Du mit Gewalt konfrontiert. Wenn Du den Hinduismus annimmst, sicherst Du Dir Frieden und die Gemeinschaften, die konvertieren, erhalten auch noch einige Vorteile.

Ergreift die Regierung irgendwelche Maßnahmen zum Schutz von Christen und Muslims?

Die höherrangigen Politiker sprechen mit zwei Zungen. Premierminister Narendra Modi redet vom Schutz der Minderheiten und Religionsfreiheit. Gegen die Gemeinden vor Ort schüren dann andere den Hass. Gegen sie wird jedoch nicht vorgegangen, man lässt sie gewähren.

Haben Sie Beispiele?
Einer der ideologischen Köpfe des Hindu-Nationalismus sagte, Indien werde bis zum Jahre 2021 frei von Muslimen und Christen sein. Dagegen gab es keine einzige Reaktion der Politik, im Gegenteil, er fiel in seiner Partei die Karriereleiter hoch. Oder Mohan Bhagwat. Er ist ein führender Kopf von Sangh Parivar, dem Dachverband der hindu-nationalistischen Organisationen. Er rechtfertigte die gewaltsame Bekehrung von christlichen und muslimischen Gemeinschaften zum Hinduismus damit, dass diese ja eigentlich vor langer Zeit in Indien hinduistisch gewesen seien, sie also lediglich zum Hinduismus zurückkehrten.

Mohan Bhagwat behauptete kürzlich, dass es Mutter Teresas eigentliches Ziel gewesen sei, Hindus zum Christentum zu bekehren.
Ja, es ist alarmierend, wie versucht wird, indische Geschichte neu zu schreiben, dass Mythologie zu einer Wissenschaft gemacht und dies mit Gewalt den Bildungsinstitutionen aufgezwungen wird.

Auf welche Weise wurde die Religionsfreiheit in Indien im vergangenen Jahr beschnitten?

Es gab eine Serie von Anschlägen auf Kirchen in Delhi und in einigen Landeshauptstädten, wie zum Beispiel in Madhya Pradesh und in Harayana; es gab gewaltsame Bekehrungen von Christen in Agra, Chhattisgarh, Madhya Pradesh und Mumbai. Es wurde zum Beispiel eine Kirche in Haryana bei Delhi völlig zerstört, eine andere Kirche wurde in einen Tempel umgewandelt, dazu kommt noch die Hasskampagne von Sangh Parivar.

Die Hass-Kampagnen von Sangh Parivar als Dachorganisation des Hindu-Nationalismus, die der konkreten Gewalt gegen Christen oder Muslime vorausgehen, ziehen anscheinend keine rechtlichen Konsequenzen nach sich?
Die Polizei sagt jedes Mal, dass die Gründe für die Brände von Kirchen elektrische Kurzschlüsse seien, auf Streitigkeiten innerhalb der Gemeinden zurückgeführt werden könnten oder dass andere religiöse Minderheiten beteiligt gewesen seien. Kirchen können ungestraft attackiert werden. Dass den Angreifern nichts passiert, verstärkt die Verletzlichkeit der Christen.

Ist die Diskriminierung in Indien regional unterschiedlich?

Die Angst und Unsicherheit ist überall spürbar. Die Gewalt in den Städten scheint sich vor allem gegen kirchliche Gebäude und Bildungseinrichtungen zu richten. In den ländlichen Regionen dagegen sind die Adivasi und die Dalits…

…also die indigene Bevölkerung und die ehemaligen Angehörigen der unteren Kasten…

….der vollen Wucht der Angriffe ausgesetzt. Das geht von körperlicher Gewalt über das Niederbrennen von Häusern und Kirchen bis zur gewaltsamen Konversion zum Hinduismus.

Wie sehr können Christen und Muslime im Alltag offen zeigen, dass sie Christen und Muslime sind?
Es herrscht die ständige Angst vor einem Angriff, da es bei keiner Zusammenkunft zum Gebet, egal ob in größerem oder kleinerem Rahmen, eine Garantie dafür gibt, dass die Regierung diese erlaubt oder nicht. Selbst wenn sie erlaubt ist, haben die Gläubigen ständig Angst, doch währenddessen angegriffen zu werden. Manchmal haben die Angreifer auch keine Skrupel, die Medien zu einem Anschlag auf solche Gebetsversammlungen in ländlichen Gegenden mitzunehmen.

Sie besuchten Anfang des Jahres den Bundesstaat Chhattisgarh, in dem knapp zwei Prozent Christen leben. Es heißt, diese seien besonders von Angriffen und Zwangskonversionen betroffen. Wie war Ihr Eindruck?

Es gab schlimme Angriffe auf die indigenen Adivasi-Christen von Bastar, der größten Stammesgemeinschaften in Indien. Das ist eine sehr verletzliche Gruppe. Mitglieder der Regierungspartei BJP führten dort Konversionskampagnen durch, es wurde körperliche Gewalt dokumentiert, Kirchen wurden zerstört. Aus dieser Angst heraus haben sich einige vom Christentum abgewandt. Die Pfarrer sind ebenso angsterfüllt, weil Regierungsbeamte nicht für Gerechtigkeit für die überlebenden Opfer sorgen, sondern sich an der Diskriminierung und Gewalt selbst beteiligten, als mitschuldig sind.

Inwieweit unterstützen die Verwaltung, die Polizei und die lokalen Regierungen die anti-christlichen Tendenzen?

Auf lokaler Ebene, zum Beispiel in Chhattisgarh, scheint es eine Übereinkunft von Polizei, der lokalen Regierung und den hindu-nationalistischen Gruppen zu geben. Es ist vergeblich, hier jemanden finden zu wollen, der Beschwerden entgegennimmt: denn letztlich machen diese Leute gemeinsame Sache, sie sind Komplizen, gehören zu einem Bündnis oder treffen sich zum gemeinsamen Essen. Die Polizei will keine Beschwerden hören, und wenn doch, dann unternimmt sie nichts. Sogar falls ein engagierter Polizist auf lokaler Ebene so einem Fall nachgehen wollen würde, wird das Verfahren auf höherer Ebene verzögert oder eingestellt. Man kann von einem Kollaps des Rechtssystems sprechen.

Was brauchen Christen in Indien, um sich sicherer zu fühlen?

Die Christen in Indien sind stolz auf ihre Staatsbürgerschaft und würden gerne die Rechte und Verantwortlichkeiten, die damit einhergehen, mit den anderen Bürgern teilen, ohne aufgrund ihrer Religion diskriminiert zu werden. Damit dies geschehen kann, müssten die Anti-Konversionsgesetze abgeschafft werden.

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