Indischer Menschenrechtler: Dialogangebot politischer Hindu-Nationalisten nicht ernst gemeint

Der indische katholische Priester und Menschenrechtsaktivist Ajaya Kumar Sing aus Odisha. Foto: mattersindia.com

Der indische katholische Priester und Menschenrechtsaktivist Ajaya Kumar Sing aus Odisha. Foto: mattersindia.com

Der indische katholische Priester und Menschenrechtler Ajaja Singh äußert sich in diesem Beitrag zur Frage, ob der Dialog mit politischen Hindu-Nationalisten in Indien für die Christen sinnvoll ist oder nicht. Anfang Januar hatte die Hindu-Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, „Nationale Freiwilligenorganisation“) mit entsprechenden Überlegungen für Debatten gesorgt, die bis heute andauern. Seine These: Die Kirche sollte Dialogangebote des RSS nicht annehmen, weil er nicht ehrlich gemeint ist.

Aus dem Englischen bbersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Anfang Januar wurden die Christen in Indien von einem Bericht in den Medien überrascht. Es hieß darin, dass die Hindu-Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, „Nationale Freiwilligenorganisation“), die eine Hardliner-Position vertritt, beabsichtige, ein politisches Forum für Christen zu gründen. Zwei Versammlungen im Dezember, an denen pro hinduistische Politiker sowie Kirchenführer teilnahmen, wurden als Beweis dafür angesehen, dass Christen mit der hinduistischen Gruppe zusammenarbeiteten.

Die offizielle Kirche hat jedoch jegliche Mitwirkung an den angeblichen Bestrebungen für ein politisches Forum bestritten, doch die Berichte haben unter den einfachen Christen zu allerhand Verwirrung geführt.

Sie sind deshalb verwirrt, weil die Medienberichte die Begegnung von Spitzenministern der indischen pro hinduistischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP, Indische Volkspartei) mit christlichen Oberhäuptern bei zwei Anlässen hervorhoben. Innenminister Rajnath Singh war Ehrengast bei einer Weihnachtstagung am 17. Dezember, die die katholische Bischofskonferenz von Indien organisiert hatte. Finanzminister Arun Jaitley veranstaltete eine Weihnachtsfeier für christliche Führer, zu denen auch Kardinal Oswald Gracias von Mumbai gehörte, ein Mitglied des Kardinalrats, des Beratergremiums von Papst Franziskus.

Außer dass diese Gespräche das gemeinschaftliche Geld und die Zeit der Kirche in Indien vergeudeten, wurde nur wenig erreicht

Die BJP, die 2014 an die Macht kam, um die Bundesregierung zu bilden, ist der politische Flügel der RSS, den die Christen für die vielen Anschläge auf die christliche Gemeinschaft machen.

Wo also stehen die Christen? Sollten sie oder ihre Anführer einen Dialog mit dem RSS führen, der in der Regierung keine Funktion hat? Oder sollten sie ausschließlich mit gewählten Vertretern der Regierung sprechen? Dies ist eine schwierige Frage – angesichts der Tatsache, dass der RSS die Regierung – wenn auch inoffiziell – lenkt, und Premierminister Narendra Modi ein Spitzenfunktionär des RSS gewesen war, bevor er eine aktive politische Funktion übernahm.

Verwirrte Führung

Der Dialog zwischen dem RSS und der Kirche ist nicht neu. Offiziell begann er nach einer Reihe von Anschlägen, die Hindu-Gruppen 1998 auf die leidtragenden christlichen Stammesangehörigen in Gujarat verübten. Auch damals war die BJP in Neu-Delhi an der Macht. Die kirchliche Führung wusste nicht, wie sie reagieren sollte, und beschloss, mit dem RSS einen Dialog zu führen.

Seitdem gab es mindestens acht Begegnungen – drei Gesprächsrunden im Jahr 2001 und eine 2002. Das nächste Treffen kam sechs Jahre später und fand 2008 statt, als man zwei Tagungssitzungen abhielt. Darüber hinaus kam es zu Begegnungen mit einer von Kardinal Jean-Louis Tauran, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, angeführten vatikanischen Delegation in den Jahren 2009 und 2011.

Außer dass diese Gespräche das gemeinschaftliche Geld und die Zeit der Kirche in Indien vergeudeten, wurde nur wenig erreicht. Über diese Gespräche wurden keinerlei Stellungnahmen oder Ergebnisse veröffentlicht, die Gewalttätigkeiten an Christen gingen unvermindert in mehreren Regionen Indiens weiter.

Einige wenige selbstsüchtige Personen und christliche Kirchenführer betonen die Notwendigkeit, sich auf den RSS einzulassen. Doch die indischen Christen – zu denen Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und die Pfingstkirchen zählen – müssen eine geeinte Institution oder Autorität haben, die zu solchen Fragen Entscheidungen trifft.

Die Sinnlosigkeit des Dialoges

Die Sinnlosigkeit eines solchen Dialoges ist aus früheren Erfahrungen deutlich geworden. Christliche Leiter, die an früheren Gesprächen teilgenommen hatten, sagen, dass die Hindu-Gruppe bei solchen Programmen nur eine einzige Forderung hat: die Bekehrungen und missionarischen Aktivitäten zu beenden.

Das Sprachrohr des Veranstalters RSS veröffentlicht auch weiterhin Artikel, in denen die Geschichte des Christentums verzerrt dargestellt und eine indische Kirche gefordert wird, die auf der hinduistischen Kultur beruht.

Es besteht darauf, dass die Bemühungen der Evangelisierung aufhören sollen und dass jeder indische Christ die Hindu-Kultur mit all ihren Traditionen, Gebräuchen und gesellschaftlichen Systemen anerkenne. Das würde bedeuten, die Hindu-Kultur so zu akzeptieren, wie sie von dem von der Hohen Kaste dominierten RSS definiert und diktiert wird.

In diesem System werden die Stammesvölker und niedrigen Kasten wie Untermenschen behandelt, denen fundamentale Menschenrechte vorenthalten werden. Sie werden ausgebeutet und ihre Frauen und Kinder missbraucht. Alle, einschließlich der Christen, sollen das akzeptieren.

 

Damit ein Dialog fruchtbar sein kann, müssen sich die Partner gegenseitig respektieren und vertrauen. Es muss eine gemeinsame Basis vorliegen, auf dem die Parteien stehen und einen Dialog führen können, um ihre Differenzen beizulegen.

Der RSS behauptet, dass die gemeinsame Basis Indien und seine Kultur sei, die er als hinduistisch interpretiert. Die Christen werden zum Dialog gedrängt, weil sie der Gewalt ein Ende setzen wollen. Der RSS behauptet, dass Gewalt die „natürliche Folge“ von Bekehrungsaktivitäten sei, die automatisch aufhören werden, wenn die Missionare die Bekehrungen beenden und sich mit der hinduistischen Hegemonie abfinden.

Das kirchliche Lehramt hat zu allen Zeiten die Notwendigkeit des Dialoges betont. Papst Franziskus hebt auch weiterhin den Aspekt des Dialoges der Kirche in der modernen Welt hervor. In seinem Apostolischen Schreiben über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute stellt Franziskus den Dialog als die beste Methode dar, um Konflikte zu lösen. Das Lehramt mahnt zudem, für Gerechtigkeit einzutreten, um dauerhaften Frieden herbeizuführen.

Doch ein Dialog, der dazu nötigt, das Unannehmbare zu akzeptieren, kann nicht als Dialog bezeichnet werden. Die Kirche ist eine religiöse Organisation, und sie hat keine politischen Ambitionen. Doch der RSS hat ein starkes politisches Interesse, und seine Ideologie ist faschistisch. Kann die Kirche mit einer faschistischen Organisation einen Dialog führen?

Die beste Alternative für indische Christen und die indische Kirche ist es, sich dem gesellschaftlichen Mainstream Indiens und redlichen säkularen und demokratischen Organisationen anzuschließen, um für die Rechte und die Freiheit aller unterdrückten Menschen zu kämpfen. Das würde die repressiven Hardlinergruppen bloßstellen und isolieren.

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