Sechzehn Tote: Überfall auf katholisches Altenheim im Jemen

Von Martin Gehlen

Autor des Themenheftes Jemen der missio-Reihe “Länderberichte Religionsfreiheit”

Ein Bild der Schwestern der Mutter Teresa-Ordens "Missionarinnen der Nächstenliebe", die bei einem Anschlag auf ein Altersheim im Jemen Anfang März getötet wurden. Foto: www.fides.org

Ein Bild der Schwestern der Mutter Teresa-Ordens “Missionarinnen der Nächstenliebe”, die bei einem Anschlag auf ein Altersheim im Jemen Anfang März getötet wurden. Foto: www.fides.org

Die vier Jihadisten in Aden kamen gleich nach der Frühmesse. Erst sperrten sie den Priester in die Kapelle, dann trieben sie die Ordensschwestern und Angestellten des christlichen Altersheims auf dem Hof zusammen, fesselten sie und ermordeten alle nacheinander mit Kopfschüssen. Vier ausländische Nonnen aus Ruanda, Kenia und Indien sind unter den Opfern, mehrere einheimische Pfleger, der Gärtner und der Pförtner. Die Ordensoberin überlebte, weil sie sich verstecken konnte.

Die 60 betagten Insassen, die während des Blutbads panisch um Hilfe schrien, wurden von den Tätern verschont.

Die 60 betagten Insassen, die während des Blutbads panisch um Hilfe schrien, wurden von den Tätern verschont. Zum Schluss legten sie den Gebetsraum in Schutt und Asche und rasten mit dem gefesselten indischen Geistlichen als Geisel davon.

Papst Franziskus sprach in Rom von einer „diabolischen Tat“ gegen das Kloster, was den „Missionarinnen der Nächstenliebe“ von Mutter Teresa gehört. Auch die jemenitische Bevölkerung, die seit einem Jahr im Krieg lebt, reagierte entsetzt und geschockt, als die Fotos der Erschossenen in den sozialen Medien zu zirkulieren begannen. Sogar Al Qaida distanzierte sich. „Dies ist nicht unsere Art zu kämpfen“, hieß es in einer Erklärung an die Bewohner von Aden. Die örtliche UN-Vertretung verdächtigt Jihadisten des „Islamischen Staates“ als Täter, auch wenn sich bisher niemand zu dem Massaker bekannte. Anders als im Nordjemen gab es in der einst weltoffenen Hafenstadt Aden stets eine christliche Präsenz. Zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft vor 1967 existierten 22 Kirchen, von denen noch fünf übrig sind. Nach Beginn des Krieges zerstörten IS-Jihadisten eines der Gotteshäuser und steckten ein zweites in Brand. Der christliche Friedhof wurde verwüstet.

Die Bluttat in dem christlichen Altersheim wirft ein erneutes Schlaglicht auf die humanitäre und politische Katastrophe, die der von Saudi-Arabien vom Zaun gebrochene Krieg im Nachbarland Jemen anrichtet. Die Vereinten Nationen riefen inzwischen die höchste Notstandsstufe aus. Seit Beginn des Kämpfe im März vorigen Jahres verloren über 6000 Menschen ihr Leben und wurden 28.000 verletzt – und die Saudis bombardieren heftiger als je zuvor. Nach UN-Angaben verdoppelte sich im Februar die Zahl der zivilen Opfer im Vergleich zum Vormonat auf 168. Allein bei dem Beschuss eines belebten Marktes in der Hauptstadt Sanaa starben 39 Menschen, darunter neun Kinder. Durch Artilleriefeuer der Houthis verloren in der umkämpften Stadt Taiz 49 Menschen ihr Leben.

2,5 Millionen Binnenflüchtlinge im Jemen

2,5 Millionen Jemeniten sind innerhalb ihrer Heimat auf der Flucht. Nach lokalen Medienberichten wurden bisher 39 Universitätsgebäude und 810 Schulen beschädigt, rund 3800 Schulen mussten geschlossen werden. Über 70 Krankenhäuser wurden attackiert, überall im Land fehlt es an den nötigsten Medikamenten. 21 der 24 Millionen Einwohner brauchen nach UN-Angaben humanitäre Hilfe und haben nicht mehr genug zu essen. Ihre Zahl ist fast doppelt so hoch wie in Syrien, wo sich 12 Millionen Menschen nicht mehr selbst helfen können.

Europäisches Parlament verlangt Waffenembargo gegen Saudi Arabien

Militärisch kann Saudi-Arabiens hoch gerüstete Armee gegen die Houthi-Rebellen, die nach wie vor die Hauptstadt Sanaa unter ihrer Kontrolle haben, keine durchschlagenen Erfolge verbuchen. Die Zahl der gefallenen saudischen Soldaten geht in die hunderte. Das ganze Ausmaß der eigenen Verluste wird der Bevölkerung verschwiegen. Die systematische Zerstörung ziviler Ziele und die humanitäre Katastrophe an der Südspitze der Arabischen Halbinsel beschäftigen jetzt auch den UN-Weltsicherheitsrat. Eine explizite Resolution jedoch vertagte das Gremium aus 15 Staaten am letzten Freitag auf Druck Riyadhs. Anders das Europäische Parlament. Es forderte kürzlich erstmals ein internationales Waffenembargo gegen Saudi-Arabien.

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