Bui Thanh Hieu berichtet auf der re:publica über Diskriminierung von Bloggern in Vietnam

2016-05-03 Republica missio-Panel (1)

Johannes Seibel (missio) führt in das Thema ein. | © Ralf Simon, missio Aachen

Einer der bekanntesten vietnamesischen Blogger ist Bui Thanh Hieu (44). Am 3. Mai berichtete er auf der re:publica 2016 im Talk “#freeLy: Blogger und die Einschränkung von Informations- und Religionsfreiheit in Vietnam” über die dortige Diskriminierung von Andersdenkenden. Unter dem Namen “Der Windhändler” (Nguoi Buon Gio) schreibt er seit 2005 über politische und gesellschaftliche Themen und wurde dafür mehrfach verhaftet. Inzwischen lebt er in Berlin. 

Das Gespräch zwischen Christian Mihr (Reporter ohne Grenzen) und Bui Thanh Hieu gibt es auch hier als Audio-Datei zum Nachhören.

Du blogst aus dem Exil in Berlin. Worüber?
Ich schreibe über politische Vorgänge in Vietnam, also Korruption und Tyrannei, aber auch über Polizeigewalt und Umweltprobleme. In meinen letzten Beiträgen ging es um das massenhafte Fischsterben vor den Provinzen Ha Tinh und Hue. Ich vermute, die Ursache waren Chemieabfälle des ansässigen Stahlwerks Formosa. Doch die Regierung tut nichts, um den Fall aufzuklären.

Wie entdeckst du solche Themen?
Früher habe ich im Internet von Ausschreitungen gelesen und bin hingefahren, um mir selbst ein Bild zu machen. Als ich bekannter wurde, kamen die Leute auf mich zu. Sie riefen mich an, wenn Festnahmen angekündigt waren und baten mich, darüber zu berichten.

Wie kannst du das verifizieren – sie könnten dich doch anlügen?
Warum anlügen? Ich habe sogar gefilmt, wie Polizisten auf Journalisten eingeschlagen hatten. Sie hatten Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen. Oft bin ich schon vor der Polizei zu den Leuten gefahren, um den ganzen Einsatz mitzubekommen.

Hast du einen professionellen journalistischen Background?
Nein, ich habe nur einen allgemeinen Schulabschluss und mich danach als normaler Arbeiter durchgeschlagen. Ich habe gemerkt, dass die Leute viel zu sagen haben, es aber nicht konnten. Die Journalisten haben sich auch nicht für sie eingesetzt, weil die vietnamesische Presse dem Regime untersteht. Also habe ich es getan.

Wie viele lesen deine Berichte?
Ich habe einen Blog, ansonsten nutze ich Facebook. Dort folgen mir über 50.000 Leute. Den Klickzahlen nach habe ich noch mehr regelmäßige Leser. Aber sie trauen sich nicht, meine Seite öffentlich zu “liken”, weil sie Sorge haben, sich damit verdächtig zu machen. Das Regime hasst die Direktheit, mit der wir Blogger über viele Themen schreiben. Daher bleibt uns nur das Internet. Ohne das Internet wären wir machtlos.

Ist es schwerer, von Deutschland aus zu arbeiten?
Nein, gar nicht. Ich bekomme ein großzügiges Autorenstipendium von der PEN Stiftung. Auch meine Frau und mein zehnjähriger Sohn leben bei mir. So kann ich mich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Ich habe hier schon drei Romane geschrieben, zwei wurden ins Englische übersetzt.

Wie kam es dazu, dass du nun ausgerechnet in Berlin bist?
Ich wurde 2010 eingeladen, einen meiner Texte in Deutschland vorzulesen. Nach meiner Rückkehr wurde ich in Vietnam mehrmals verhaftet, für je zehn oder fünfzehn Tage. Daraufhin bot mir die PEN-Stiftung das Writers-in-Exile Stipendium an.

Leidet deine Familie in Vietnam unter deiner Arbeit?
Meine Familie wird ständig von der Polizei aufgesucht und dafür beschimpft, dass sie mich nicht besser erzogen oder belehrt haben. Sie beschuldigen meine Familie dafür, dass ich angeblich reaktionär sei und die Regierung stürzen will.

Sie könnten aufhören zu bloggen und Ihrer Familie eine Menge Leid ersparen.
Ich glaube, dass diese Arbeit getan werden muss, wenn nicht jetzt, dann im nächsten Leben. Wäre ich kein Blogger, würden die Probleme vielleicht noch größer werden. Das Schöne ist, dass mich meine Familie unterstützt. Meine Mutter war 83, als die Polizei mich verhaftete. Zu den Polizisten sagte sie: “Meinen Sohn trifft keine Schuld. Ich bin stolz auf das, was er getan hat.”

Unterzeichnen auch Sie die Petition von missio und Reporter ohne Grenzen für den inhaftierten katholischen Priester und Blogger Nguyen Van Ly, der stellvertretend für viele weitere Menschenrechtsaktivisten steht.

Hinterlasse eine Antwort