Warnung vor Racheakten im Irak und Aufruf zur Wiederversöhnung nach der Offensive gegen den IS

Pater Jens Petzold hilft seit vielen Jahren Flüchtlingen, die wegen des Krieges im Irak Zuflucht und Schutz suchen.

Pater Jens Petzold hilft seit vielen Jahren Flüchtlingen, die wegen des Krieges im Irak Zuflucht und Schutz suchen.

Rund zwei Millionen Muslime, die meisten davon Sunniten, haben Schutz in der kurdischen Region des Iraks gefunden. In den nächsten Monaten wird noch eine weitere Million Sunniten wegen der Offensive gegen den IS in Mossul in diese Region fliehen müssen. missio-Projektpartner Pater Jens Petzold berichtet von der Situation vor Ort. 

Menschen müssen vor den Angreifern fliehen, die ihrer eignen Religion angehören. Vergleichen kann man die Situation mit dem ersten Weltkrieg als die zwei großen katholischen Nationen, Italien und Österreich, einen blutigen Krieg führten.

Die Zivilbevölkerung, die in Mossul geblieben ist, folgt nicht zwangsläufig den Überzeugungen des IS. Wenn diese Menschen nicht unmittelbarer Bedrohung ausgesetzt sind oder waren, bleiben sie in ihren Häusern und ihrem Eigentum. Mit der Wiedereroberung Mossuls könnten sie aber in großer Gefahr sein. Wir fragen uns warum die Menschen sich geweigert haben gegen den IS zu kämpfen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir normalerweise nicht ideologisch sondern pragmatisch handeln. Wir sind bereit dazu ein Teil unserer Freiheit aufzugeben, wenn wir im Austausch ein „normales“ Leben führen können.

Unsere Aufgabe ist es im Moment die Opfer und Betroffenen aufzufangen und zu versorgen. Natürlich müssen die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, jedoch können die Opfer des Krieges nicht durch Bestrafung wieder zum Leben erweckt werden, deswegen ist die Wiederversöhnungsarbeit von zentraler Bedeutung für die Zukunft des Landes. Gerechtigkeit, die eigentlich Rache ist, würde der Logik des IS folgen. Bei so einem Verständnis von Gerechtigkeit gibt es keinen Platz für Wiederversöhnung. Auch wenn wir eine Art Befriedigung durch die Bestrafung der Schuldigen empfinden würden, würde das dem Prozess der Wiederversöhnung nicht helfen. Wenn wir gemeinsam für eine Zukunft Iraks und Syriens arbeiten wollen, müssen wir den Weg der Vergebung gehen.

Als Christen wissen wir, dass Wiederversöhnung nicht durch bloßes Vergessen geschieht. Vergebung und Wiederversöhnung geschehen dadurch, dass sich die Bevölkerung des Leids und Schmerzes bewusst wird. Es ist ein schwieriger Weg von den Opfern des Krieges zu verlangen, dass sie ein friedliches Leben mit ihren Angreifern führen. Dies ist nicht nur ein schwieriger Schritt für die Opfer, sondern auch für diejenigen, die Schuld am Krieg tragen. Sie müssen sich ihren Taten stellen und die Vergebung akzeptieren.

Seitdem das Christentum großen Wert auf die Wiederversöhnung, die auf dem religiösem Glauben basiert, legt, können die Christen im Mittleren Osten viel für den Irak und Syrien tun. Mit der Hilfe der Christen weltweit, können die Christen des Mittleren Ostens Kraft und Mut für die Wiederversöhnungsarbeit ihres eigenen Landes schöpfen.

Hilfsorganisationen bauen Lager auf, um künftige Flüchtlinge zu empfangen. Es wird geschätzt, dass ca. 750.000 bis 1,5 Millionen (größtenteils sunnitische) Flüchtlinge in die kurdische Region des Irak im Zuge der Mossul-Offensive fliehen werden. Zum ersten Mal werden diese Camps geschlossen sein. Wer dort aufgenommen wird kommt dort vorerst nicht wieder raus. Dies aus zwei Befürchtungen heraus.

1. Weil diese Menschen unter IS in den besetzten Gebieten geblieben sind, wird ihnen vorgeworfen Kollaborateure zu sein. Ergo sind Vergeltungsschläge von anderen Vertriebenen und von Kurden möglich also müssen die Lager geschützt werden.

2. Vermutet man, dass neben Deserteuren vom IS auch Schläferzellen mit in die Lager sich einschleusen. Deshalb möchte man erst einmal die Identität von den neuen Vertriebenen abklären bevor man sie in das Kurdische Territorium lässt.

Ich hoffe sehr, dass diese Lager und die Kampfhandlungen sehr genau beobachtet werden, da durch die Wut, die sich in den letzten Jahren gegen den IS angesammelt hat, die Gefahr der Kriegsverbrechen der “Guten” sehr hoch ist.

Aleppo wird nach wie vor bombardiert. Die meisten Opfer sind Zivilisten.

Ich bitte Sie darum für die Ärzte und Helfer, die immer noch in der belagerten Stadt sind zu beten.

Ich bitte Sie darum für die syrische und irakische Bevölkerung zu beten.

Ich bitte Sie darum für Einsicht, die die Spirale der Gewalt beenden kann, zu beten.

Zum Schluss möchte ich Sie darum bitten für die Kämpfer, Soldaten und die militärischen Führer zu beten, auf dass sie inmitten der Kämpfe die Stärke besitzen moralisch richtige Entscheidungen zu treffen.

 

 

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