Zwischen Hindu-Ideologie und säkularer Verfassung – Die wachsende Gewalt gegen Christen in Indien

Sebastian M. Michael SVD Professor für Kulturanthropologie am Institute of Indian Culture in Mumbai

Sebastian M. Michael SVD,  Professor für Kulturanthropologie am Institute of Indian Culture in Mumbai

Im heutigen Indien definiert sich die indische Identität durch die gemeinsame Verfassung. Sie garantiert allen Bürgern Rechte in Bezug auf Ethnie, Sprache, Kultur und Religion. Heute wird der fragile Zusammenhalt der indischen Gesellschaft jedoch gefährdet durch Bestrebungen, eine Hindu-Nation zu etablieren. Hinter der Gewalt gegen Volksgruppen im Namen der Religion stecken politische und ökonomische Interessen. Dieser Zusammenhang zwischen Kultur, Religion, Identität sowie politischen und ökonomischen Interessen ist entscheidend für das Verständnis der Gewalt gegen Christen in Indien.

Seit Menschengedenken ist Indien ein Land mit großer rassischer, kultureller, sprachlicher und ethnischer Vielfalt. Keine ideologische oder religiöse Gruppe in Indien hat das Monopol auf Patriotismus. Dennoch gibt es heute aktive und machtvolle Bestrebungen, die Einheit Indiens nicht auf der Grundlage der indischen Verfassung , sondern in Form der Hindu Rashtra zu vollziehen. Man hat bereits damit begonnen, die Geschichte passend zu dieser Agenda umzuschreiben. Das Bildungssystem wurde so umgebaut, dass sich die Köpfe der jungen Menschen besser mit der Hindutva-Ideologie infizieren lassen. Gleichzeitig gibt es von der Stammesbevölkerung, den Dalits und anderen niederen Kasten getragene Bestrebungen, Indien in den inklusiven Kategorien zu sehen, um allen Indern Würde zu geben und sie zu geachteten Bürgern zu machen. Weil sich die chrsitliche Mission für die Emanzipation der Stammesbevölkerung, der Unberührbaren (Dalits) und anderer marginalisiserter Menschengruppen in Indien engagiert, handelt das Christentum gegen die Interessen der einflussreichen Hindus der Oberkaste. Die Gewalt gegen Christen ist vor dem Hintergrund dieses Interessenkonflikts zu sehen. Man kämpft gegen die religiösen, kulturellen und ökonomischen Rechte von Christen und scheut dabei auch vor Gewalt nicht zurück.
In diesem Zusammenang ist folgende wichtige Frage zu stellen: Was bedeutet Nationalismus für die Armen, die Unterdrückten und die Marginalisierten? Ist es Ihnen möglich, in der nationalen Einheit Indiens eine gemeinsame und geteilte Menschlichkeit zu erfahren? Als Bürger Indiens muss jedem an der Menschenwürde und der Einbeziehung aller Inder gelegen sein. Vor dem Hintergrund der Hindutva-Ideologie und eines exklusiven und engstirnigen Hindu-Nationalismus muss Nationalismus so definiert werden, dass die Armen und Unterdrückten die ihnen gebührende Aufmerksamkeit und Sorge erhalten. Hinter den Träumen und Hoffnungen dieser marginalisierten Gruppen steckt die Hoffnung, dass eine Nation der Fairness und Gerechtigkeit realisiert wird, eine Nation mit menschlichem Antlitz, die jeden einbezieht.

Sebastian M. Michael SVD
Professor für Kulturanthropologie am Institute of Indian Culture in Mumbai
Aus dem Englischen von Jürgen Waurisch

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