Archiv für Dr. Joseph Croitoru

Abschied vom Brüderlichkeitsmythos? Der arabische Frühling macht auch vor der koptischen Kirche Ägyptens nicht halt

Von Dr. Jospeh Croitoru

Dr. Joseph Croitoru, Autor der FAZ, NZZ, SZ und mehrerer Rundfunkanstalten (Foto: privat).

Dr. Joseph Croitoru, Autor der FAZ, NZZ, SZ und mehrerer Rundfunkanstalten (Foto: privat).

Über Ägyptens Kopten ist hierzulande immer noch relativ wenig bekannt. Schon das gängige Bild von einer stark verfolgten Minderheit bedarf angesichts des Umstands, dass die koptische Kirche seit Mitte des 20. Jahrhunderts kontinuierlich gewachsen ist, der Korrektur. Diese Konsolidierung der koptisch-orthodoxen Kirche – die größte christliche Gemeinschaft Ägyptens – verdankt sich der Bereitschaft ihrer Wortführer, mit dem Staat Zweckbündnisse einzugehen. Die Geschichte dieser Beziehung, deren gemeinsamer Nenner seit jeher der ägyptische Nationalismus ist, hat die junge Politikwissenschaftlerin Elizabeth Iskander nun in ihrem Buch „Konfessionskonflikt in Ägypten“ anschaulich analysiert.

So wirkten Kopten schon früh an der nationalen Bewegung Ägyptens mit und nahmen auch an dem Aufstand gegen die Briten im Jahr 1919 teil. Bis heute gilt im Land der damalige Schulterschluss als Zeugnis für die nationale Verbundenheit ägyptischer Christen und Muslime –eine Symbiose, die später das panarabisch ausgerichtete Regime Gamal Abdel Nassers förderte. In den siebziger Jahren bekam sie unter Präsident Anwar al-Sadat erste Risse.

Sein Kalkül, durch Annäherung an die Muslimbrüder die in den Terrorismus abgedrifteten radikalen Islamisten im Land zu marginalisieren, war nicht aufgegangen. Vielmehr eskalierte die Lage immer weiter, was auch zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen führte. Die Kopten fühlten sich zudem durch Sadats Fixierung des verfassungsrechtlichen Status der Scharia als „eine Hauptquelle unter den Quellen der Rechtsprechung“ im Jahr 1971 zusätzlich bedroht. Papst Schenuda III., der im gleichen Jahr sein Amt antrat, ging auf Konfrontationskurs und leistete gegen Sadats Islamisierungspolitik hartnäckig Widerstand. Sadat antwortete 1980 nicht nur mit einer Verfassungsnovelle, die die Scharia als die „Hauptquelle der Rechtsprechung“ festschrieb.

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