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Makabres Spiel um Syrien

Von Stephan Baier, Journalist, Würzburg/Graz

Stephan Baier

Stephan Baier ist Korrespondent der katholischen Tageszeitung “Die Tagespost”, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz erschient. Foto: INT

Schach gilt als anspruchsvolles Spiel (verglichen mit „Mensch ärgere dich nicht“), obwohl alles Wesentliche bekannt ist: Es gibt nur Schwarz und Weiß, alle Regeln sowie die Figuren mit ihren Fähigkeiten sind bekannt und unveränderbar. Weltpolitik ist das Gegenteil davon: Zwar kann auch hier jeder Zug irreversibel und tödlich sein, doch gibt es statt Schwarz und Weiß alle Facetten zwischen Dunkelweiß und Hellschwarz. Von den positiven und den destruktiven Fähigkeiten der Figuren ist meist nicht mehr sichtbar als die Spitze eines Eisbergs. Gleichzeitig werden die Spielregeln ununterbrochen von mehreren Akteuren in Frage gestellt oder einfach geändert. Das alles geschieht unter einem hohen Handlungsdruck, den externe und unvorhersehbare Faktoren erzeugen. Und noch einen Unterschied gibt es: In der Weltpolitik verlieren nicht die Spieler, sondern stets Völker, Länder und Erdteile, um die und auf deren Rücken gespielt wird.

Derzeit wird um Syrien gespielt: Amerika spielt gegen Russland, der Iran gegen Saudi-Arabien. Auf dem Schachbrett stehen weiße und schwarze Diktatoren, Freischärler, Ideologen und Medien. Zu den Spielregeln gehört das Belagern, Vertreiben, Vergewaltigen und Ermorden von Wehrlosen. Wer die Partie gewinnen wird, ist weiter offen: Hält sich Assad, dann haben Teheran und Moskau gewonnen; siegen die Rebellen, dann haben jedenfalls die Saudis gewonnen. Siegen unter den Rebellen die Dschihadisten und Al-Kaida-Truppen, dann haben am Ende die westlichen Assad-Gegner in Washington, Paris und London viel mehr verloren als gewonnen.

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