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Massaker von Kandhamal: Christen in Indien erinnern an Gewalt vor zehn Jahren

Vor zehn Jahren erlebte Indien die schwersten Gewaltausbrüche gegen Christen in seiner Geschichte. Kurz vor dem Jahrestag bereiten die Christen im ostindischen Kandhamal Erinnerungsfeiern vor. missio hilft den Opfern, die noch keine Gerechtigkeit erfahren haben.

Gefangene Kandhamal Gruppe Querformat

Kurz vor dem 10. Jahrestag der größten tödlichen hindu-nationalistischen Gewaltwelle gegen Christen in der Geschichte Indiens wartet die Mehrzahl der Opfer immer noch auf Wiedergutmachung und juristische Gerechtigkeit. Darum kämpfen gemeinsam mit dem katholischen Hilfswerk missio Aachen indische Projektpartner und Menschenrechts-Aktivisten. Sie betreuen mit einem missio-Projekt » die Opfer und richten am 28. und 29. August in Indien öffentliche Gedenkveranstaltungen aus, zu denen in der Stadt Bhubaneshwar über 10.000 Teilnehmer erwartet werden. Bis Ende August läuft die missio-Petition #freeourhusbands » für verfolgte Christen in Indien.

Die Stimmung in der Region ist nach Auskunft von missio-Partnern angespannt. Sie sprechen von einer erhöhten Präsenz von Hindu-Nationalisten und befürchten mögliche neue Gewaltausbrüche.

Indische Justiz verzögert bis heute Aufarbeitung und Wiedergutmachung

Rückblick: In der letzten Augustwoche 2008 töteten hindu-nationalistische Fanatiker in der Region Kandhamal im ostindischen Bundesstaat Odisha über 100 Christinnen und Christen. Nach Angaben von missio-Partnern brannten sie 400 Dörfer, 5.600 Häuser und 395 Kirchen nieder. 40 Frauen – darunter auch Ordensschwestern – wurden vergewaltigt. 56.000 Männer, Frauen und Kinder mussten aus ihren Heimatdörfern fliehen und können bis heute nicht zurückkehren. Die Mehrzahl der 3.232 aufgenommen Strafanzeigen gegen die Gewalttäter wurde bis heute nicht bearbeitet. Nur 86 Täter wurden verurteilt, wenige verbüßten tatsächlich ihre Strafe. Nur rund zehn Prozent der Betroffenen erhielt bisher eine Wiedergutmachung vom indischen Staat für zerstörtes Eigentum. Die Opfer sind größtenteils christliche indigene Adivasi und gehören der in Indien gesellschaftlich diskriminierten Kaste der sogenannten Unberührbaren an.

missio-Petition #freeourhusbands läuft bis Ende August für unschuldig inhaftierte Christen

Auslöser der Gewalt war der Mord an einem hindu-nationalistischen Prediger am 23. August 2008. Schnell wurden sieben einfache Christen aus dem Kandhamal verdächtigt und festgenommen. Obwohl sie unschuldig sind und in Ostindien aktive maoistische Rebellen die Verantwortung für den Mord übernommen hatten, wurden sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Für ihre Freilassung sammelt missio Aachen bis Ende August mit der Petition #freeourhusbands im Namen ihrer Familien Unterschriften. Aktuell haben die Petition rund 7.800 Menschen unterschrieben. Sie wird Anfang September an die Bundesregierung übergeben, die sich in Indien für die Freilassung der unschuldigen Christen einsetzen soll.

Team aus Priestern, Psychologen und Juristen arbeitet an Rehabilitation der Opfer

Menschenrechts-Aktivisten, Priester, Psychologen und Juristen der indischen Kirche helfen seit Anfang des Jahres in einem missio-Projekt den sieben Familien der unschuldig inhaftierten Christen aus dem Kandhamal. Zuerst versuchen sie juristisch ein Wiederaufnahmeverfahren für ihre inhaftierten Ehemänner und Familienväter zu erreichen. Dann vermitteln sie den Familien praktisches und ökonomisches Basiswissen für kleine Geschäftsgründungen, um ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten zu können. Vier Familien gründeten eine Ziegenzucht, zwei Familien eine Gemüsezucht und eine Familie eröffnete einen kleinen Laden. Jede Familie erhielt eine Anschubfinanzierung von je rund 630 Euro – das sind etwa sechs indische Monatsdurchschnittsgehälter. Zudem werden zwölf schulpflichtige Kinder aus den Familien finanziell unterstützt, um einen Schulabschluss machen zu können. Nicht zuletzt können Angehörige der Familien Traumatherapien in Anspruch nehmen.

Weiterhin werden in dem missio-Projekt 192 Männer, Frauen und Kinder aus der Region Kandhamal psychologisch betreut, die vor zehn Jahren unmittelbare Zeugen oder Opfer von Morden, Vergewaltigungen und Brandstiftungen geworden waren und dadurch bis heute traumatisiert sind.

Schließlich identifizierten Juristen des missio-Projektes seit Anfang des Jahres 50 Gerichts- und Wiedergutmachungsfälle von Opfern, die jetzt gerichtsfest dokumentiert und dann zur Neuverhandlung gebracht werden. Für ein Opfer einer Sexualstraftat wurde mittlerweile eine Wiedergutmachung erstritten, ein ähnlicher Fall konnte vor einem höheren Gericht eröffnet werden.

Hindu-Nationalismus in Indien gestärkt

Auch zehn Jahre nach den schlimmsten Gewaltausbrüchen gegen Christen in Indien hat sich ihre Lage nicht verbessert. Die hindu-nationalistische Politik des Landes hat sich unter Ministerpräsident Narendra Modi etabliert. Minderheiten wie Christen und Muslime werden weiter und zunehmend diskriminiert. Kritiker Modis befürchten, dass die indische Verfassung nach der Losung „eine Religion, eine Kultur, ein Land“ ihren säkularen, republikanischen und demokratischen Charakter verliert.

Freilassung von Nguyen Van Dai

Nguyen Van Dai ist frei

Nguyen Van Dai ist frei

750 missio-Unterstützerinnen und Unterstützter wandten sich an Vietnams Premierminister

„Wir sind erleichtert, aber die Lage der Menschenrechte in Vietnam bleibt weiterhin kritisch.“ So kommentierte Prälat Klaus Krämer, Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio in Aachen, die Freilassung des zu 15 Jahre Haft verurteilten vietnamesischen Menschenrechtlers Nguyen Van Dai, der heute nach Deutschland ausgeflogen wurde. 750 Unterstützerinnen und Unterstützer von missio hatten sich in den vergangenen Monaten an den Premierminister von Vietnam mit der Bitte um Freilassung des Rechtsanwalts gewandt. missio arbeitete dabei eng mit der Bundestagsabgeordneten Marie-Luise Dött und der Organisation Veto! zusammen.

„In Vietnam werden vor allem die Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit eingeschränkt. Die Freilassung von Nguyen Van Dai zeigt, dass sich unser Einsatz für die Betroffenen dieser Menschenrechtsverletzungen lohnt. Wir hoffen, dass Politik, Kirche, Gesellschaft und nicht zuletzt die Wirtschaft ihre Verantwortung erkennen, in Gesprächen mit der vietnamesischen Regierung weiter auf eine Verbesserung der Menschenrechtslage in dem asiatischen Land zu drängen“, so Prälat Krämer weiter.

Nguyen Van Dai saß seit dem 16. Dezember 2015 in Untersuchungshaft. Vor einigen Wochen wurde er zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er war angeklagt wegen Paragraph 88 des vietnamesischen Strafgesetzbuches „Propaganda gegen den Staat“. Dieser Vorwurf traf auf Nguyen Van Dai nicht zu. Er saß allein wegen seines friedlichen Engagements für Menschenrechte in Haft. Ngyuen Van Dai hatte auch Christen verteidigt.

 

Moschee-Attentat Ägypten: missio und koptisch-katholische Kirche in Ägypten rufen zu Zusammenhalt von Christen und Muslimen auf

Patriarch Ibrahim Sedrak: „Ursachen des Terrorismus bekämpfen“ – missio-Präsident Krämer: „Religionen nicht gegeneinander ausspielen“

Patriarch Ibrahim Sidrak bei seinem Treffen mit dem missio-Vorstand in Aachen

Patriarch Ibrahim Sidrak bei seinem Treffen mit dem missio-Vorstand in Aachen

Das katholische Hilfswerk missio Aachen verurteilt gemeinsam mit der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten den gestrigen Anschlag auf eine Moschee auf dem ägyptischen Sinai mit mehr als 230 Toten. „Wir hoffen, dass die Opfer als Märtyrer Barmherzigkeit vor Gott finden und die Verletzten rasch genesen“, so der koptisch-katholische Patriarch von Ägypten, Ibrahim Sedrak, in einer Stellungnahme, die missio vorliegt. Patriarch Ibrahim war 2013 Gast der missio-Kampagne zum Weltmissionssonntag gewesen. „Der Staat und alle Ägypter müssen sich mit extremistischen Ideologien auseinandersetzen und eine Strategie entwickeln, wie die Ursachen des Terrorismus beseitigt werden können“, sagte Patriarch Ibrahim weiter. „Terror kann niemals mit Religion legitimiert werden“, so Patriarch Ibrahim.

„Wir trauern mit Patriarch Ibrahim und allen Ägyptern um die Opfer des Anschlags auf eine Moschee, in der gläubige Muslime einfach nur beten wollten“, sagte Prälat Klaus Krämer, Präsident von missio Aachen. Der Terror treffe in Ägypten wahllos Muslime und Christen. Zuletzt waren im Mai rund 30 Menschen bei einem Anschlag auf eine koptische Kirche gestorben. „Deshalb ist es richtig, dass die koptisch-katholische Kirche den interreligiösen Dialog vorantreibt und gemeinsam mit der Mehrheit der Muslime für eine zivilgesellschaftliche Befriedung Ägyptens arbeitet. Das unterstützt missio“, so Prälat Krämer weiter. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass fundamentalistische Gewalttäter die Religionen gegeneinander ausspielen, das führt uns dieser Anschlag wieder deutlich vor Augen“, betonte Prälat Krämer.

Gebet für sieben inhaftierte unschuldige Christen in Odisha

Quelle: fides.org

Gefangene Kandhamal Gruppe Querformat

Die Kirche in Indien lädt zum Gebet für die Freilassung der sieben im indischen Staat Odisha (bis 2011 Orissa) inhaftierten unschuldigen Christen ein, die sich seit neun Jahren in Haft befinden: Bhaskar Sunamajhi, Bijay Sanseth, Buddhadev Nayak, Durjo Sunamajhi, Gornath Chalanseth, Munda Badamajhi e Sanatan Badamajhi.
Die sieben Gefangenen kommen aus dem Distrikt Kandhamal, der 2007 und 2008 Schauplatz antichristlicher Gewalt waren, und sind zu Unrecht für des Mordes an dem hinduistischen Religionsführer Swami Laxmanananda Saraswati angeklagt, der in Odisha am 23. August 2008 ermordet wurde. Ein Distriktgereicht verurteilte sie 2013, ein Berufungsverfahren beim Hohen Gericht in Cuttack ist noch nicht abgeschlossen. Die Anhörung wurde bereits mehrmals verschoben. Der Mord an dem hinduistischen Religionsführer war Auslöser der antichristlichen Gewalt von 2008. Zunächst wurden Christen für den Mord verantwortlich gemacht, während sich später maoistische Gruppen dazu bekannten.
In den vergangenen Tagen befassten sich katholische Geistliche in Kerala mit dem Thema “Was ist in Kandhamal passiert?”, wobei die Anwesenden daran erinnerten, dass die indische Kirche auch für den im Jemen entführten und nun freigelassenen Pater Tom Uzhunnalil veranstaltet hatte. „Nun müssen wir für die unschuldigen Christen in Kandhamal beten”, so der Journalist Anto Akkara, der sich mit den Ereignissen in Kandahal und dem Mord an Swami Laxmanananda in verschiedenen Büchern befasste und dabei entlastende Beweise für die Christen sammelte.
In Zusammenarbeit mit Akkara schrieben die katholischen Priester ein Gebet, dass in den katholischen Gemeinden in Odisha und in anderen indischen Staaten gebetet werden soll. Bischöfe, Priester Ordensleute und Laien teilten mit, dass sich der Initiative anschließen wollen. “Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir handeln müssen. Das Blut der Märtyrer wird die Gläubigen dazu drängen, für diejenigen zu betten, die keine Stimme haben“, so Akkara.
Akkara brachte auch eine Petition an den vorsitzenden Richter des Obersten Gerichts in Indien und den Präsidenten der Indischen Menschenrechtskommission auf den Weg. “Das ist für mich ein Weg des Glaubens. Der Herr hat mich dabei während der vergangenen neun Jahre begleitet. Sowohl die Petition als auch die Gebetsinitiative bringen den Wunsch nach Wahrheit und Gerechtigkeit zum Ausdruck“, so Akkara abschließend.
Im Jahr kam es 2008 in Kandhamal (Odisha) zu Massenübergriffen auf die christlichen Gemeinden in der Region. Rund 100 Christen wurden ermordet, 300 Kirchen und 6.000 Wohnungen geplündert und 56.000 Familien vertrieben.

Vietnam: Trần Thị Nga zu neun Jahren Haft verurteilt

logo vietnam1Sie postete Videos und Artikel, die den Staat beschuldigten, die Menschenrechte zu verletzen. Keiner ihrer Verwandten oder Freunde durfte beim Gerichtstermin anwesend sein. Ihr Anwalt plant Einspruch zu erheben.

Menschenrechtsaktivistin Trần Thị Nga, 40, wurde zu neun Jahren Haft verurteilt, weil ihr „Propaganda gegen den Staat“ vorgeworfen wird. Sie wurde bereits am 21. Januar verhaftet, weil sie Videos und Artikel online stellte, die beinhalteten, dass der kommunistische Staat die Menschenrechte verletzt. Darüber hinaus forderte sie Pluralismus und die Abschaffung des Einparteiensystems.

Nga wurde vom Gericht, in der Provinz Hà Nam im Norden Vietnams, verurteilt, nach Artikel 88 des vietnamesischen Strafgesetzbuches, der oft dazu genutzt wird um regierungskritische Blogger und Aktivisten zum Schweigen zu bringen.

„Die Beweise wurden nicht auf rechtsgültigem Wege gesammelt“, sagte Hà Huy Sơn, einer von Trần Thị Nga Verteidiger. Das Gericht wies diese Anschuldigungen ab und sprach sie schuldig. Sơn erwartet eine Verurteilung “in Bälde”.

Während des Prozesses durften nur Polizei und vom Gericht zugelassene Personen anwesend sein. Kein Familienmitglied von Trần Thị Nga durfte der Verhandlung beiwohnen. „Die Polizei sagte, dass der Saal zu voll sei, also fragten wir sie, ob es Lautsprecher gibt, sodass wir den Prozess trotzdem mitbekommen, aber sie lehnten ab“, sagte Aktivist Lã Việt Dũng. „Zuerst ließen sie uns vor dem Gericht warten, dann beschuldigten sie uns, dass wir stören würden und jagten uns schließlich davon.“

Nga, die zwei Kinder hat, ist bekannt dafür, dass sie Rechte der vietnamesischen Gastarbeiter und der Opfer von Landraub verteidigt. Im Mai 2014 erlitt sie schwere Verletzungen, als sie von einer Gruppe von Männern angegriffen wurde.

In Vietnam gibt es kaum Pressefreiheit. Reporter ohne Grenzen zufolge, ist es auf Platz 175 von insgesamt 180 Ländern.

Während der letzten Wochen wurden mehrere Blogger und Aktivisten verurteilt. Nguyễn Ngọc Như Quỳnh, 37, ein katholischer Blogger, der auch als Mẹ Nấm oder Mother Mushroom bekannt ist, muss zehn Jahre ins Gefängnis. Pierre Pham Minh Hoang, ein katholischer französisch-vietnamesischer Blogger legte seine Staatsbürgerschaft ab (man ist nicht sicher, ob unter Zwang), und flüchtete aus seinem Heimatland.

(Beitrag von www.ucanews. it)

Irak: Vom freigelassen

Pater Jacques Mourad kämpft ungebrochen für ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen.

Pater Jacques Mourad kämpft ungebrochen für ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen.

Pfarrer Pitzal konnte sich bei seinem Besuch im Irak mit missio-Projektpartner Pater Jacques Murad unterhalten, der vom IS gefangen genommen und gefesselt wurde. Er musste das Kloster Marmusa in Syrien verlassen. Pater Jacques wurde zusammen mit einem Novizen in das berüchtigte, von den IS geleitete Gefängnis Raka gebracht.

Er berichtete, wie er sich jeden Tag den langen Verhören der IS stellen musste, die immer mit der Drohung endeten, dass er enthauptet werden würde. Nach drei Monaten wurde er dann in das Gefängnis nach Palmyra verlegt. Es ist ja jene Kulturstätte, die in aller Welt bekannt ist und von den IS zum Schrecken der Welt weithin zerstört wurde. Sein Gefängnis war ein Bad, wo er wenigstens die Möglichkeit hatte, an Wasser zu kommen. Alles, was die IS ihm zu sagen hatte, endete mit dem Satz „Es geschieht im Namen Gottes“, doch ihre Gesichter zeigten nur Gewalt. In diesem Gefängnis sollten wohl auch Pater Paul und der Bischof von Aleppo und ein weiterer Bischof sein, von ihnen fehlt jedoch noch jede Spur.

„In jenem Gefängnis bist du nichts wert“, sagte Pater Jacques zu Franz Pitzal. „Man befindet sich immer außerhalb des Menschlichen. Erst jetzt merkt man, was Freiheit ist, was sie für das Leben der Menschen bedeutet.“ Zu seiner Überraschung kamen in das Gefängnis nach Palmyra die gesamten Bewohner seiner Heimatgemeinde. Das gab ihm Stärke, wie er sagte. Er war nicht mehr der Einzige, der dem Tode nahe war und letzten Endes baute er auf die Zuversicht, die er in Jesus Christus bekommt.

Wie ein Vogel eingesperrt kam ich mir hier vor. Du bist zwar frei erschaffen, hast aber das Wichtigste verloren – deine Freiheit.

(Pater Jacques)

Einen Monat war er dann allein in einem Raum, bevor dann noch drei Muslime dazukamen. Man teilte miteinander Traurigkeit und Leid. „Ich war mir bewusst, hier muss ich sterben. Aber das machte mich immer freier und ich sah vor mir das Meer der Gnade und fühlte mich jetzt im Angesicht Gottes.“ Das Materielle zählte plötzlich nichts mehr für ihn, ob am Boden schlafend, ob mit oder ohne Seife versorgt. Täglich betete er den Rosenkranz, der ihm viel Kraft gab, um auch die Not seiner Mitgefangenen zu teilen. Er erinnerte sich noch, wie er am 11. August 2015 in Palmyra zu einem erneuten Verhör geführt wurde. Er meinte, dass jetzt in einem kleinen Zimmer durch die Mitteilung des Kalifen sein Schicksal besiegelt würde. „Trotzdem“, so sagte er, „hatte ich keine Angst mehr.“ Denn seine Gemeindemitglieder waren ja mit dabei und ihnen würde wohl das gleiche geschehen wie ihm. In der Gemeinsamkeit ist es leichter, das eigene Leid zu ertragen. „Angst macht nicht stark“, sagte er. „Die Stärke liegt in der Schwachheit.“ Und in diesem Moment des Verhörs, schwand bei ihm alle Angst und es war ihm bewusst, was er sagen würde. Man stellte ihm die Frage nach den Christen in seiner Heimatgemeinde. „Und ich hatte den Mut, nach dem Warum zu fragen. Da gab man mir zur Antwort: „Weil Ihr Christen das Angebot Waffen zu bekommen, abgelehnt habt, werdet ihr freikommen.“ Wir konnten dies gar nicht glauben. Wir durften aus dem Strom der Gewalt aussteigen. Es gibt auch noch Menschen unter den Milizen, die anders denken und die humanitäre Hilfe der Kirche akzeptieren.“ Und so ist er mit seinen Gemeindemitgliedern zurückgekehrt. „Wir durften wieder frei leben. Als wir daheim angekommen waren, wurde unser Ort von den Russen bombardiert. Wir sahen wieder keine Zukunft vor uns. Ich überlegte, was ich tun sollte.“, sagte Pater Jacques. „Vielleicht kann ich von außen mehr für diese Menschen tun.“ Ein Mitbürger kannte einen geheimen Weg und so kam er am 1.September mit einem Motorrad aus dem Bombenhagel seiner Heimat heraus in den Irak.

Ein weiteres Erlebnis hatte er noch mit der IS, die ja bewusst alle Gräber zerstören, weil Gräber Gotteslästerung seien. Es starb ein Christ und die IS baten ihn, er solle diesen Christen beerdigen. Dies war völlig ungewöhnlich und zeigte, dass sie zu ihm sogar Vertrauen hatten.

Jetzt, nachdem er im Irak ist, versucht er, für die Menschen in seinem Heimatort Hilfestellung zu geben. Die IS ist eine Gruppe, die sich von allen absondert. Sie ist eine kriminelle Gruppe, das ist keine Frage, aber sie können auch anders handeln. Von den Russen erwartet Jacques nichts. „Sie zerstören alles, auch unser Kloster. Sie schützen die Christen nicht.“ Sein größter Schmerz sind jene Christen, die lügen und nicht die Wahrheit sagen. Für mehr Menschlichkeit und Stärke möchte er eintreten, bescheiden, ruhig, zurückhaltend, wie er auf Pfarrer Pitzal wirkte.

 

 

Irak: Eindrücke im Land des Terrors

 

Pfarrer Pitzal mit missio-Projektpartnern Pater Jacques und Pater Jens

Pfarrer Pitzal mit missio-Projektpartnern Pater Jacques und Pater Jens

Pfarrer Pitzal aus Renningen besuchte missio-Projektpartner im Irak und erzählt von seinen Eindrücken vor Ort. Dort hatte er direkte Kontakte in den Flüchtlingslagern, besuchte Bischöfe und Kirchenleute, die ihm authentisch berichteten, führte Gesprächen mit Menschen, die Schreckliches bei der IS in Gefangenschaft und auf der Flucht erlebten. Millionen Menschen in der Ninive Ebene und in den übervollen Lagern wissen nicht, wie es weitergeht.

In Sulaymaniya, einer Stadt mit einer Million Einwohner, die durch die Flüchtlinge auf zwei Millionen angewachsen ist, kam Pfarrer Pitzal im Kloster der chaldäischen Mönche mit Pater Jens und Pater Jacques sowie der deutschen Schwester Frederike zusammen. In diesen Tagen wurde für die muslimischen und christlichen Einwohner sowie für die Flüchtlinge nach wochenlanger Arbeit ein Theaterstück durch den Regisseur Stefan aus Berlin eingeübt. Ziel war es, sowohl im Klosterhof wie auch in den Lagern den Menschen Freude und auch etwas Mut zu machen.

Außerhalb der Stadt liegen die Lager. Die Lagerstraßen scheinen kein Ende zu haben, endlose Trostlosigkeit. Die Lager sind umgeben mit Stacheldraht, fast niemand darf das Lager verlassen. Essen und Wasser wird ins Lager gebracht. Die Menschen leben in „Caravans“ – so nennen sie die Container-Häuser -, die gut eingerichtet sind und in denen etwa 8-10 Personen einen Raum bewohnen. Die Regierung hat bereits gemauerte Toiletten errichtet, um die die Lagerbewohner ein eigenes Haus bauen können. Dies besagt, dass eine Rückkehr in die nicht allzu weit entfernte Heimat demnächst wohl nicht möglich sein wird. Im Lager gibt es bereits eine Schule, eine medizinische Einrichtung, einen Sportplatz und auch eine Kirche. Es gibt mehrere Lager dieser Art. Nur mit kundiger Führung sind sie mit einem Auto zu erreichen.

Pfarrer Pitzal mit Studenten und Bischof Yousif Thomas

Pfarrer Pitzal mit Studenten und Bischof Yousif Thomas

In Kirkuk begegnete Pfarrer Pitzal Bischof Yousif Thomas Mirkis. Er hat ein umfangreiches Programm für die Flüchtlinge und Bewohner des Landes zusammengestellt. So entsteht in diesen Tagen ein großes Zentrum, in dem hunderte von Menschen zusammenkommen können. Rund um die Kathedrale hat er Einrichtungen für zahnmedizinische Behandlungen und eine medizinische Grundversorgung eingerichtet. Seinen besonderen Schwerpunkt legt er auf 10 Häuser, die er in der Millionenstadt Kirkuk angemietet hat. In jedem Haus wohnen etwa 25 junge Studenten, die die verschiedensten Fächer wie Jura, Medizin, Pharmazie, Literatur, Landwirtschaft oder Naturwissenschaft studieren. Bei der Begegnung sagte Pfarrer Pitzal zu ihnen: „Ihr seid die Hoffnungsträger für dieses Land. Bleibt im Land, beendet euer Studium und baut eine neue Welt in eurem Land auf.“ Das bringt den Menschen mehr, als wenn sie im fernen Europa künftig leben und sich mit der Integration schwer tun. Für jeden der 120 Studenten benötigt der Bischof täglich etwa 7 Euro, die er in Europa zusammenbetteln muss .

Zusammentreffen von Bischof Warda und Pfarrer Pitzal.

Zusammentreffen von Bischof Warda und Pfarrer Pitzal.

Im nahegelegenen Erbil, der Hauptstadt Kurdistans, besuchte Pfarrer Pitzal Bischof Bashra Warda. Die Stadt ist ebenfalls umgeben von vielen Flüchtlingslagern. Obwohl es in der Diözese nur wenig Priester gibt, hat der Bischof zwei Geistliche für die Betreuung der Lager abgestellt. Im Lager Ankawa in der Nähe des Priesterseminares leben nur die Christen, die Karakosch fluchtartig verlassen mussten. Die IS zündete dort 2.000 Häuser an, 7.000 weitere wurden zerstört, 3.000 seien noch halbwegs in Ordnung. Die Stadt ist inzwischen von den IS befreit und so viele Menschen hoffen, dass sie die etwa 70km von ihrem Lager entfernte Heimat wieder aufsuchen können. Für das Lager gibt es keine Hilfe aus Deutschland, wie man Pfarrer Pitzal versicherte. In die Heimatstadt der Flüchtlinge zu fahren war dann aber doch noch zu gefährlich für Pfarrer Pitzal, denn im nahegelegenen Mossul wird immer noch gekämpft und man hofft, dass die Stadt bald befreit werden kann. Mit Familien im Flüchtlingslager kam es zu einem herzlichen Kontakt.

Auf die Frage von Pfarrer Pitzal, was das Wichtigste für sie sei und wo könnte man ihnen am besten helfen könne, wurde geantwortet:

Wir brauchen eine Regierung, die sich der Menschen annimmt, ihre Interessen und Machenschaften selbst zurückstellt und ein System aufbaut, das jedem gerecht wird.

Das Gebiet beanspruchen die Kurden, die aber auch in Syrien, in der Türkei und im Iran beheimatet sind. Besonders schwer betroffen sind die Jesiden, eine kleine Religionsgemeinschaft, die von Schiiten und Sunniten gemieden wird. Nach wie vor haben die Menschen, vor allem in Syrien, unter den Bombenangriffen der Russen und der Amerikaner zu leiden. Wenn die Waffen ausgingen und nicht mehr von Europa, auch von Deutschland, geliefert würden, wäre wohl ein Frieden schneller in Aussicht gestellt – wenngleich sich im Moment niemand vorstellen kann, wie dieser Krieg mit den Millionen von Flüchtlingen beendet werden kann und menschenwürdige Verhältnisse jedem gegeben werden könnten.