Tag-Archiv für Naher Osten

“Religionsfreiheit ist Menschenrecht”

missio-Referent Dr. Matthias Vogt referiert in einer Akademie-Reihe im Erbacher Hof in Mainz über die Situation der bedrängten Christen im Nahen Osten:

Keine Prognose für den Nahen Osten 2015 möglich

von Rupert Neudeck

Rupert Neudeck ist Theologe, Journalist und Ehrenvorsitzender der “Grünhelme”, die weltweit im interreligiösen Kontext humanitäre Arbeit leistet. Hier schreibt er über die Christen im Nahen Osten, deren Exodus und stellt fest, dass keine Prognose für den Nahen Osten 2015 möglich ist:

Bekannt geworden ist Rupert Neudeck durch seine Nothilfe für Menschen in Bedrängnis – unter anderem Boots-flüchtlinge aus Vietnam. (Foto: Grünhelme)

Bekannt geworden ist Rupert Neudeck durch seine Nothilfe für Menschen in Bedrängnis – unter anderem Boots-flüchtlinge aus Vietnam. (Foto: Grünhelme)

Um die Christen wird geworben und sie werden vertrieben. In keinem Land des Nahen Ostens geht es allein um sie. Weder im Libanon, wo sie mal so stark waren, dass sie die Aufteilung der Staatsämter mitbestimmten, noch in Syrien noch im Irak.

Was aber zuerst verlorengeht ist eine in Stein und Orten, Kirchen und Bauerwerken sich seit Jahrtausenden manifestierende kulturgeschichtliche Zivilisation. Niemals wird jemand von uns wieder das alte betörende Aleppo sehen können, die Barbarei des Krieges, den die Regierungsarmee auf Befehl des vornehm wirkenden Diktators in Damaskus führt, hat keinen Sinn für die Erhaltung des Landes und seiner wunderbaren Kunst und Glaubensdenkmäler, sondern nur für die Erhaltung der Macht.

Hier in einigen Staaten des Nahen Ostens hat sich ein Cäsaropapismus breitgemacht, der die Religion benutzt, um die Machtentfaltung zu sichern. Man kann mittlerweile Maß nehmen bei diesen Spielen an Russlands Wladimir Putin, der mit dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche am liebsten ein Herrschaftsduo vereinbaren möchte: Du hältst mir den spirituellen Rücken frei und segnest meine Aktionen, während ich das Land zu neuer militärischer Stärke bringe.

Der Christen-Exodus ist in Palästina leider weit fortgeschritten. Da die Christen meist besser gestellt sind und auch über mehr Verwandtschaft und Beziehungen im Ausland verfügen, sind sie in höheren Zahlen aus dem Lande ausgewandert oder auch geflohen (Irak!) als die Muslime. Ich vergesse nicht den Moment, an dem mir in Beit Sahour /Palästina in einer christlichen Familie die Mutter erzählte, dass alle ihre vier Kinder jetzt im Westen studieren und sie nicht mehr die Kraft hätte, sie moralisch zur Rückkehr zu verpflichten.

Ein Leuchtendes Beispiel für Zusammenleben und Toleranz gab in den vergangenen Monaten die Nordirakische (Noch-nicht-ganz) Republik Kurdistan mit der Regierung in Erbil. Alle Muslime und auch alle Christen und Jeziden wurden in dem kleinen föderalen Gebiet im Norden des Irak aufgenommen. Ob sich das Gebiet weiter so klug entwickelt wie unter der Präsidentschaft Massud Barzanis, steht in den Sternen wie so vieles, was mit den beiden (fast?) gescheiterten Staaten Syrien und dem Irak geschehen wird. Man kann nur hoffen, dass Russland bei den jüngsten Gesprächen mit der Opposition aus Syrien zu anderen

Schlußfolgerungen kommt, und die einseitige Nabelschnur zum Clan der Macht in Damaskus kappen oder mindestens lockern wird. Dann könnte etwas anderes aufbrechen. Im Irak kann man schlecht erkennen, dass es noch zu einem weiteren Gedeihen der Irakischen Republik kommen wird. Die Weltgemeinschaft mag aus sehr guten Gründen keine Aufteilungen einmal gebildeter und anerkannter Staaten. Im Fall des Irak wird es wahrscheinlich nicht anders gehen, als zu einer Drei- oder Zweiteilung zu gelangen.

>> Informationen zum Nahen Osten und zu dortigen missio-Projekten finden Sie hier.

Zukunft der Christen im Nahen Osten mehr als fraglich

Von Jörg Armbruster, Journalist

Jörg Armbruster, ehem. ARD-Reporter mit langjährigem Schwerpunkt: Naher/Mittlerer Osten. (Foto: missio)

Jörg Armbruster, ehemaliger ARD-Korrespondent im Nahen und Mittleren Osten. Foto: missio

Unter den Kopten in Ägypten geht wieder die Angst um. Hatten sie nach dem Militärputsch vom 3. Juli noch gehofft, nun mehr Schutz vor Anschlägen und islamistischen Übergriffen zu bekommen, schwindet diese Hoffnung einen Monat später. Junge ägyptische Christen hatten 2011 auf dem Tahrirplatz genauso demonstriert wie die jungen Muslime, hatten sogar bei Gottesdiensten und Freitagsgebeten sich gegenseitig durch Menschenketten geschützt. Doch nach dem Sturz Mubaraks war es mit der ungewohnten Religionsharmonie schnell vorbei.

Überfälle auf Kopten, brennende Kirchen, Gerichtsprozesse gegen Christen wegen angeblicher Blasphemie, all das gehört bald zur traurigen Wirklichkeit im neuen Ägypten. Allerdings war das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Ägypten nie ganz spannungsfrei gewesen. Jetzt aber fürchteten sie die allmähliche Islamisierung des Landes. „Islamistische Prediger, etwa Salafistenscheichs, nutzen die Situation und wiegeln die Bevölkerung gegen Christen auf“, schreibt zum Beispiel missio-Länderreferent Matthias Vogt. Daher zunächst das Aufatmen der Christen am 3. Juli 2013. Doch jetzt machen die frustrierten Islamisten auch die Christen verantwortlich für den Putsch und den Sturz Mursis, sie seien so etwas wie die fünfte Kolonne des Westens. In einem Dorf nahe Luxor tötete ein Mob im August vier christliche Bewohner.

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Mehrheit ist keiner der Namen Gottes

Rupert Neudeck

Rupert Neudeck ist promo-vierter Theologe, Journalist und bekannt geworden durch seine Nothilfe für Menschen in Bedrängnis – unter anderem Bootsflücht-linge aus Vietnam. / Foto: Grünhelme

Von Rupert Neudeck, Troisdorf, Deutschland

Mehrheit ist keiner der Namen Gottes, könnte man mit Martin Buber, ihn variierend sagen. Dass Gott nicht darauf sieht, ob Gläubige mit einer Zahl von über 50 Prozent in einer Gesellschaft oder einem Staat sind, oder nur mit 5 Prozent, das dürfte uns allen einleuchten: Christen, Muslimen, Juden.

Wenn Christen bedroht sind, wie jüngst nach dem US-Krieg gegen den Irak und jetzt in Syrien, hat dies mit dieser Minderheitenposition zu tun. Aber es hat auch damit zu tun, dass wir daraus lernen sollen. Sie fühlen sich sehr bedroht, weil sie vorher auch in zu guter, manchmal sogar privilegierter Kollaboration zu den jeweiligen Diktatoren und Regimen gestanden haben. Das konnte man damals schon verstehen, das ist in einem Staat immer auch ein guter Schutz. Aber wenn man Privilegien zur Zeit eines Regimes beansprucht, darf man sich nicht wundern, dass diese nach dem Sturz eines Regimes nicht nur nicht mehr bestehen, sondern dass auch der Status eines, der vorher halb oder ein Viertel Kollaborateur war, befragt, bezweifelt, manchmal attackiert wird.

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Christen im Nahen Osten: Eindringliche Fotoschau beim Eucharistischen Kongress in Köln am 7. und 8. Juni, Neumarkt, 15.30 Uhr

Von Johannes Seibel, missio Aachen

Der Fotograf Andy Spyra arbeitet in Schwarz-Weiß und hat schon mehrmals den Nahen Osten bereist. Foto: Andy Spyra

Der Fotograf Andy Spyra arbeitet in Schwarz-Weiß und hat schon mehr-mals den Nahen Osten bereist. / Foto: Andy Spyra

Eine eindringliche Fotoschau in Schwarz-Weiß über den Alltag der Christen im Nahen Osten zeigen missio Aachen und der Fotograf Andy Spyraam Freitag, 7. Juni 2013, und Samstag, 8. Juni 2013, jeweils 15.30 Uhr, auf einer Open-Air-Bühne auf dem Neumarkt in Köln. Anlass ist der Eucharistische Kongress, ein Glaubensfest der katholischen Kirche in Deutschland. Dazu spielen zwei Ensembles des irakischen Christen und Musikers Raed Koshaba. Johannes Seibel von missio Aachen sprach zuvor mit Andy Spyra über seine Fotos.

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Der Tag danach im Nahen Osten

Von Fadi Daou, Beirut, Libanon

Fadi Daou leitet zusammen mit einer Muslima ein Institut für interreligiösen Dialog in Beirut, Libanon. Foto: missio Aachen

Fadi Daou leitet zusammen mit einer Muslima ein Institut für interreligiösen Dialog in Beirut, Libanon. Foto: missio Aachen

Es ist ebenso schwierig wie wichtig, vom interreligiösen Dialog im Nahen Osten in einer Zeit zu reden, da Gewalt und Instabilität der Region die Bühne beherrschen. Tatsächlich sterben in Syrien tagtäglich Dutzende von Menschen. Wie andere, werden auch Christen davon nicht verschont. Noch schlimmer ist, dass vor fast einem Monat zwei Bischöfe aus Aleppo, der syrisch-orthodoxe Metropolit Erzbischof Gregorios Yohanna Ibrahim und der griechisch-orthodoxe Erzbischof Paul Yazigi, entführt wurden und sich noch immer mit zwei weiteren Priestern in den Händen ihrer Kidnapper befinden – ohne irgendeine Nachricht. Ich persönlich mache mir Sorgen um ihr Schicksal. Angesichts der chaotischen Situation im Land kann man nicht auf den gesunden Menschenverstand oder auf die Vernunft der revolutionären Milizen vertrauen, die ohne zentrales Kommando operieren. Vorerst versichern sie jedoch, dass sich ihr Kampf nicht gegen die Christen richtet; auch wenn sich letztere nicht eindeutig gemeinsam mit ihnen in der Revolution engagieren, so respektieren die Milizen sie doch und möchten ihre Präsenz in Syrien schützen, wenn sie denn erst einmal – wie sie sagen – von der Macht des gegenwärtig amtierenden Regimes befreit sind.

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Le jour suivant du Moyen-Orient

Von Fadi Daou, Beirut, Libanon

Fadi Daou leitet zusammen mit einer Muslima ein Institut für interreligiösen Dialog in Beirut, Libanon. Foto: missio Aachen

Fadi Daou leitet zusammen mit einer Muslima ein Institut für interreligiösen Dialog in Beirut, Libanon. Foto: missio Aachen

Il est aussi difficile qu’important de parler de dialogue interreligieux au Moyen-Orient en ces temps où la violence et l’instabilité occupent les devants de la scène. En effet, en Syrie, des dizaines de morts tombent tous les jours. Les chrétiens comme les autres ne sont pas épargnés. Pire encore, deux évêques d’Alep, Mgr Gregorios Youhanna Ibrahim (syriaque orthodoxe) et Mgr Paul Yazigi (grecque orthodoxe) ont été kidnappés il y a presque un mois et sont encore entre les mains de leurs ravisseurs, sans nouvelles d’eux, et de deux autres prêtres. Personnellement je m’inquiète pour leur sort. Vue la situation chaotique du pays, on ne peut faire confiance au bon sens ou à la sagesse des miliciens révolutionnaires, sans commandement central. Pour l’instant, ils affirment cependant que leur combat n’est pas contre les chrétiens ; et que même si ces derniers ne s’engagent pas clairement avec eux dans la révolution, ils les respectent et veulent protéger leur présence en Syrie, une fois, selon eux, libérée du pouvoir du régime en place.

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