Tag-Archiv für Tansania

Menschenrechtsstudie: Religiöser Extremismus und Gewalt in Tansania

von Elias O. Opongo SJ / Felix J. Phiri MAfr

Religiös begründete Gewalt hat in Tansania  eine lange Geschichte. Die Gewalt insbesondere zwischen Christen und Muslimen tritt jedoch seit 1980 besonders deutlich hervor.63-tansania-religioeser-extremismus_full_p

In den letzten Jahren haben die Spannungen besonders zwischen den Anhängern dieser beiden Religionen zugenommen, wobei wiederholt verhängnisvolle Angriffe und Zerstörungen des Eigentums der jeweils anderen Gruppe vorkamen.

Es ist mittlerweile ein offenes Gehemnis, dass die Koexistenz zwischen Christen und Muslimen in Tansania zum Problem geworden und dass das Bild des Landes getrübt ist.

Mehr Informationen zum Thema “Religiöser Extremismus und Gewalt in Tansania” finden sie unter arrowmissio-hilft.de/mrstudie63arrow

Sansibar/Tansania: Priester überlebt Säureattentat – Interview mit Father Anselmo

Wer Father Anselmo anschaut, sieht in sein vernarbtes Gesicht. Dort, wo Touristen aus der ganzen Welt an endlos langen Sandstränden ihr Urlaubsglück genießen, wurde Anselmo ausspioniert, bedroht und kam bei einem Säureattentat fast ums Leben. Er wurde angegriffen, weil er katholischer Priester ist. Derzeit wird Father Anselmo in Soest/NRW behandelt. Lukas Schröder* und Tobias Schulte* trafen ihn in Paderborn.

Father Anselmo, Sie wurden als katholischer Priester Opfer eines brutalen Säureattentates in Ihrer Heimat Sansibar. Zunächst: Was waren dort Ihre Aufgaben?
Seit 1976 lebe ich auf Sansibar und war als Priester tätig. Neben den Aufgaben in der Pfarrei war ich für die Seelsorge in den Bereichen Krankenhaus, Gefängnis, Militär und Tourismus zuständig.

Erst wurden Sie bedroht, bis schließlich der 13. September 2013 Ihr Leben völlig verändert hat. Was genau ist passiert?

Father Anselmo in Paderborn (Foto: f1rstlife).

Father Anselmo in Paderborn (Foto: f1rstlife).

Im Vorfeld wurde ich bereits mehrfach von den Terrorbanden bedroht. Ich sollte Sansibar verlassen, ansonsten würde man mich umbringen. Am 13. September war ich in einem Internetcafé in Stone Town. Als ich das Café verlassen hatte, passiert es: Während ich telefonierte, sah ich, wie jemand von der Seite kam und die Säure über mich kippte. Ich hatte sofort furchtbare Schmerzen und betete zu Gott, dass er mir hilft, die Situation zu überstehen. Dann schrie ich um Hilfe, sank zu Boden und wurde bewusstlos.

Was geschah dann? Wie wurde Ihnen geholfen?
Darüber kann ich nur spekulieren. Erst im Krankenhaus kam ich wieder zu mir. Da die Gesundheitsversorgung in Tansania sehr schlecht ist, ließ man mich zur Behandlung nach Indien ausfliegen. Dort wurde ich operiert und blieb drei Monate zur Genesung. Doch zurück auf Sansibar schmerzten meine Narben so sehr, dass ich ein weiteres Mal in Indien operiert werden musste.

Die Christen sind auf Sansibar deutlich in der Minderheit. Immer wieder hören wir Berichte von Gewalt gegen die Christen. Wie ist ihre Situation auf Sansibar?
Zwar gibt es eine lange christliche Tradition auf Sansibar, jedoch sind etwa 97 Prozent der Bevölkerung muslimisch und nur 12.000 Menschen katholisch. Viele Jahre hat das Zusammenleben funktioniert. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich die politische Situation stark verändert und Teile der muslimischen Bevölkerung haben sich radikalisiert. Die Gruppierung Uamsho tritt dabei besonders brutal auf. Dieser Terrorismus wird von den arabischen Staaten finanziert. Terror gegen Christen ist zu einem gut bezahlten Business geworden.

Mit welchen Einschränkungen und Unterdrückungen müssen die Christen leben?

Father Anselmos Narben (Foto: f1rstlife).

Father Anselmo hat am 21. Januar 2015 eine Privataudienz bei Papst Franziskus
(Foto: f1rstlife).

Das gesamte Christentum ist zur Zielscheibe geworden: Kirchengebäude werden angegriffen, Gläubige bedroht, in den öffentlichen Schulen müssen sich die christlichen Mädchen verschleiern oder werden mit muslimischen Männern zwangsverheiratet. Ein Priester ist erschossen worden,

ein weiterer hat ein Attentat nur knapp überlebt. Alle Christen haben große Angst, viele sind bereits geflüchtet. Große Zelebrationen, wie die Gottesdienste jetzt zu Weihnachten oder Ostern, müssen durch die Polizei beschützt werden.

Von der Regierung und der Polizei bekommt die christliche Minderheit also Unterstützung?

Davon kann nicht die Rede sein, im Gegenteil. Sansibar leidet unter der großen Korruption. Polizei und Gesetzeshüter wollen nicht Recht oder Ordnung herstellen, sondern nur Geld kassieren. Der Brutalität gegenüber Christen steht die Regierung völlig untätig gegenüber. Wir Christen sind darüber sehr verärgert. Auch an einer konsequenten Strafverfolgung der Attentäter, die mich mit Säure übergossen haben, hat die Regierung keinerlei Interesse.

Sansibar gilt als idyllisches Urlaubsparadies mit langen Sandstränden und hellblauen Meer. Bekommen die Touristen von dem Leid der Christen vor Ort nichts mit?
Sansibar ist wunderschön und lebt größtenteils vom internationalen Tourismus. Da es jedoch bereits Entführungen und Mordanschläge gab, können Touristen nur in Gruppen und in gewissen Bereichen unterwegs sein. Von der großen Schere zwischen Arm und Reich in der Bevölkerung und dem Leid der überwiegend sehr armen Christen bekommen die Gäste kaum etwas mit.

Wird das Christentum auf Sansibar in naher Zukunft völlig verschwinden?
Wegen der gefährlichen Situation sind einige Priester geflüchtet; eine Priesterweihe konnten wir schon seit sieben Jahren nicht mehr feiern. Unsere Lage ist vergleichbar mit der in anderen afrikanischen Ländern, zum Beispiel in Somalia und Nordnigeria. Doch verschwinden wird das Christentum nicht! Trotz der Verfolgung wächst die christliche Gemeinde, wenn auch nur langsam.
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