Der Tag danach im Nahen Osten

Von Fadi Daou, Beirut, Libanon

Fadi Daou leitet zusammen mit einer Muslima ein Institut für interreligiösen Dialog in Beirut, Libanon. Foto: missio Aachen

Fadi Daou leitet zusammen mit einer Muslima ein Institut für interreligiösen Dialog in Beirut, Libanon. Foto: missio Aachen

Es ist ebenso schwierig wie wichtig, vom interreligiösen Dialog im Nahen Osten in einer Zeit zu reden, da Gewalt und Instabilität der Region die Bühne beherrschen. Tatsächlich sterben in Syrien tagtäglich Dutzende von Menschen. Wie andere, werden auch Christen davon nicht verschont. Noch schlimmer ist, dass vor fast einem Monat zwei Bischöfe aus Aleppo, der syrisch-orthodoxe Metropolit Erzbischof Gregorios Yohanna Ibrahim und der griechisch-orthodoxe Erzbischof Paul Yazigi, entführt wurden und sich noch immer mit zwei weiteren Priestern in den Händen ihrer Kidnapper befinden – ohne irgendeine Nachricht. Ich persönlich mache mir Sorgen um ihr Schicksal. Angesichts der chaotischen Situation im Land kann man nicht auf den gesunden Menschenverstand oder auf die Vernunft der revolutionären Milizen vertrauen, die ohne zentrales Kommando operieren. Vorerst versichern sie jedoch, dass sich ihr Kampf nicht gegen die Christen richtet; auch wenn sich letztere nicht eindeutig gemeinsam mit ihnen in der Revolution engagieren, so respektieren die Milizen sie doch und möchten ihre Präsenz in Syrien schützen, wenn sie denn erst einmal – wie sie sagen – von der Macht des gegenwärtig amtierenden Regimes befreit sind.

Unter solchen Umständen wird der Dialog in den Hintergrund gedrängt, und die Situation erfordert andere, nicht weniger herausfordernde, Formen des Engagements: Solidarität mit den Flüchtlingen, interreligiöse Gebete sowie Gebete innerhalb der Gemeinde für den Frieden, das Nachdenken über die Legitimität von Gewalt (gerechter Krieg/Dschihad) und die Einbindung des Religiösen in die Konflikte, die Suche nach einer internationalen Unterstützung – sei es, um den Flüchtlingen zu helfen, sei es, um politischen Druck auszuüben, um den Konflikt zu beenden… Bei all diesen Bemühungen sind wir einander verbunden, Männer wie Frauen guten Willens, deren Glauben von Hoffnung getränkt ist, die sich aus dem Evangelium oder dem Koran speist – und ohne zunächst auf die Unterschiede, sondern vielmehr auf die Einheit unserer Kräfte zu schauen, durch die Lösungen in greifbarere Nähe rücken.

Wenn diese interreligiösen Solidaritäten heute nun aber allerorten in Syrien und im Libanon in Erscheinung treten, so ist das zwei Ursachen zu verdanken. Auf der einen Seite hatte die dem Dialog vorausgehende Erfahrung mit dem jahrhundertelangen Zusammenleben – die als „Dialog mit dem Leben“ bezeichnet wird – die Seelen und Herzen darauf eingestimmt, sich den Herausforderungen des Lebens und dem Drama von Gewalt und Tod gemeinsam zu stellen. Die Christen können so mit den Muslimen guten Willens „gemeinsam vor Gott“ (so der Titel eines Hirtenbriefes der katholischen Patriarchen des Orients, 1994) stehen, um ihre brüderliche Verantwortung für denjenigen zu übernehmen, der in Not ist, sowie ihre Verantwortung als Wächter über die Werte des Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens zu tragen. Auf der anderen Seite werden die Gläubigen aller Richtungen geeint durch die Absage an den Fanatismus und an von der Religion verzerrte Vorstellungen, um die Schäden einer Macht zu begrenzen, die von sich behauptet, heilig zu sein.

Nun aber sind eher Taten als Worte gefragt. Doch ich bin sicher, dass die Syrier – sobald in Syrien wieder Friede herrschen wird – das vielfältige Zeugnis der Gläubigen aller Richtungen gegenüber den Gräueln des Krieges entdecken werden, die ihr Leben riskiert haben, um den Schmerz einer Mutter zu lindern oder die Angst eines Kindes zu besänftigen. Diese Zeugnisse werden das beste Gegenmittel gegen Fanatismus und Verzweiflung sein. Deshalb müssen wir sie zu einem schriftlichen Bericht umsetzen und vielleicht – wenn es möglich wäre – auch zu einem Film… Der interreligiöse Dialog wird dank dieser Erfahrungen einen neuen Aufschwung erleben. Doch in der Zwischenzeit sollte keine Mühe gescheut werden, um die Glaubwürdigkeit des Dialogs und seine hohe Bedeutung zu wahren. Man muss Mittel finden, wie man den Menschen vermitteln kann, dass der Dialog selbst nach einem Bürger-, Religions- oder einem Krieg innerhalb einer Gemeinschaft möglich ist und notwendiger denn je. Dieser wird den Verdienst haben, sich nicht in fromme Wünsche oder unrealistische Vorstellungen zu flüchten. In der Nachkriegszeit führt der Dialog zur Solidarität in Leid und Schmerz, zur spirituellen Brüderlichkeit gegen jeglichen Fanatismus und zum Kampf für die Würde des Menschen. Jeden Tag bereiten wir uns darauf vor und sammeln unsere Kräfte, denn das Drama ist groß und scheint noch nicht all seine Grenzen erreicht zu haben.

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