Genozid an Armeniern in der Türkei: Historikerkommission ist wichtig

Dr. Christoph Marcinkowski, Leiter der missio-Fachstelle Menschenrechte und Religionsfreiheit. (Foto: missio)

Dr. Christoph Marcinkowski, Leiter der missio-Fachstelle Menschenrechte und Religionsfreiheit. (Foto: missio)

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan hat den Nachkommen der im Osmanischen Reich getöteten Armenier erstmals sein Mitgefühl ausgesprochen. In Armenien wird der 24. April offiziell als Völkermord-Gedenktag begangen: Es war am 24. April 1915, als die Deportation armenischer Intellektueller aus der osmanischen Hauptstadt Istanbul begann, die damals den Massenmord an den christlichen Armeniern einleitete. Dass der türkische Regierungschef in seiner Erklärung die Ereignisse von damals als „unmenschlich“ bezeichnete, überrascht; Erdoğan schlägt damit einen deutlich versöhnlicheren Ton an als seine Vorgänger. Wie diese Geste der türkischen Regierung einzuordnen ist, darüber hat Radio Vatikan mit Christoph Marcinkowski, der Menschenrechts-Referent vom katholischen Hilfswerk missio in Aachen gesprochen. Das Interview ist als Audiobeitrag hier zu hören. Es folgt das Interview in Schriftform:
Marcinkowski: „Zunächst einmal ist es schon ein Schritt in die richtige Richtung, denn seit 2009 sind ja die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei, die sich positiv zu entwickeln schienen, wieder zu einem Stillstand gelangt. Diese Beileidsbekundung von Erdoğan ist da also ein richtiger Schritt, wenn er auch den Begriff ,Genozid’ vermieden hat. Er hat aber das Angebot gemacht, die Archive zu öffnen und eine bilaterale Historikerkommission einzusetzen.“

Radio Vatikan: Der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu hatte Mitte Dezember bei einem Besuch in der armenischen Hauptstadt Eriwan die Deportationen der Armenier als „Fehler“ und „unmenschlich“ bezeichnet und sich für eine Versöhnung beider Länder auf Grundlage einer „gerechten Erinnerung“ ausgesprochen – ein neuer Akzent nach der seit 2009 herrschenden Funkstille. Doch geht es Erdoğan tatsächlich um Aufklärung und Versöhnung? Dazu der missio-Experte:
Marcinkowski: „Man muss natürlich auch sehen, trotz dieses positiven Ansatzes, dass er natürlich auch bestimmte Interessen zu verfolgen scheint, denn im nächsten Jahr, 2015, ist ja der 100. Jahrestag des Armenier-Massakers. Und 2015 ist für die Türkei auch der hundertste Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges auf Seiten der Mittelmächte; die Türkei ist dem Krieg ja ein Jahr später beigetreten. Präsident Obama wird dazu auch Stellung nehmen im nächsten Jahr, und da möchte die Türkei natürlich möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Der zweite Punkt: Es könnte auch sein, dass Erdoğan seine Landsleute vielleicht indirekt darauf vorbereiten will, dass es unter Umständen doch zu einer Benutzung, einer Anerkennung des Terminus ,Völkermord’ kommen könnte.“
Radio Vatikan: Einer der Gründe, warum sich die Türkei bisher gegen eine Anerkennung des Massenmordes als „Völkermord“ gewehrt hat, seien wohl finanzielle Entschädigungsansprüche der Armenier, die dann auf das Land zukommen könnten, vermutet Marcinkowski. Auf der anderen Seite dürfe man nicht vergessen, dass es damals auch Übergriffe auf Türken und Kurden in Ostanatolien gegeben habe, erinnert er weiter. Hier dürfe man die Geschichte „nicht einseitig“ betrachten – auch deshalb sei eine beiderseitige Historikerkommission so wichtig.
Bis heute ist umstritten, was 1915 genau geschah und wie viele Opfer es gegeben hat. Die Schätzungen schwanken zwischen 200.000 bis 2,5 Millionen Getöteten – beide Angaben seien wohl nicht korrekt, so der missio-Experte. Überhaupt sei die Geschichte nicht so eindeutig.
Marcinkowski. „Man muss auch sehen, welches Regime dort damals in der Türkei an der Macht war – die Jungtürken. Das Sultanat hat damals nur noch auf dem Papier bestanden, das war eine naturalistische Regierung, die übrigens auch als Antwort auf die Nationalismen der slawischen Nachbarstaaten zu sehen ist, die sich dann von den Osmanen abgespalten haben, die praktisch die Türkei in diesen Krieg brachten. Wenn man sich zum Beispiel Politiker wie Atatürk anschaut, die eigentlich gegen den Kriegseintritt waren, dann sieht man auch, dass die Politiker und die Generäle damals gespalten waren. Man kann von einer Regierungsaktion sprechen, aber nicht vom Krieg zwischen zwei Völkern, die eigentlich Jahrhunderte lang friedlich zusammengelebt hatten. Ich glaube, der Weg vorwärts ist wirklich Aufklärung durch eine Historikerkommission.“
(rv/diverse 24.04.2014 pr)

Dieser Text stammt von der Webseite http://de.radiovaticana.va/articolo.asp?c=793443
des Internetauftritts von Radio Vatikan.

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