Indien: Minderheiten stehen unter Beschuss

von Fr. Cedric Prakash SJ, Indien

Fr. Cedric Prakash ist Direktor von PRASHANT, dem jesuitischen Zentrum für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden in Ahmedabad. In seinem Beitrag beschreibt er die schwierige Situation der Minderheiten in Indien und kritisiert, dass sich ihre Lage seit Modis Amtsantritt weiter verschlechtert hat:

Fr. Cedric Prakash SJ (Foto: privat)

Fr. Cedric Prakash SJ (Foto: privat)

Die Schlagzeilen einer der führenden Tageszeitungen im Bundesstaat Gujarat verkünden am 11. Dezember 2014 lautstark: „Angriff auf die Regierung wegen religiöser Bekehrungen“. Und so war es auch auf den Titelseiten aller anderen Zeitungen in ganz Indien zu lesen.

Wie zu erwarten war, zeigt sich bei der rechtsextremen indischen Regierung der Bhartiya Janata Party (BJP), die von Premierminister Narendra Modi geführt wird, der im Mai 2014 mit einer absoluten Mehrheit die Macht ergriff, dass man hier tatsächlich alles Mögliche tut, um aus Indien einen „hinduistisch geprägten Staat“ zu machen.

Wichtig für das Verständnis ist, dass die Wurzeln des gegenwärtigen politischen Regierungssystems Indiens in einer harmlos klingenden Organisation liegen – der Nationalen Freiwilligenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS). Daneben gibt es mehrere Zweiginstitutionen unter einem riesigen Dach – unter der Bezeichnung „Sangh Parivar“ (Familienorganisation). Eine dieser Gruppen ist die „Bajrang Dal“, eine Gruppe von „Fußsoldaten“, die die eigentliche „Drecksarbeit“ erledigen. Der Streitpunkt, der Indien derzeit so erschüttert, besteht darin, dass diese rechtsextremen Gruppen die List ersinnen, „Tausende von Christen und Muslime im ganzen Land zum Hinduismus zu rekonvertieren“. Sie nennen das „ghar-wapasi“ (Heimkehr).

Fr. Cedric Prakash sJ bei einer Mahnwache am Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2014. (Foto: privat)

Fr. Cedric Prakash SJ bei einer Demonstration am Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2014. (Foto: privat)

Doch ihre Strategie ist eindeutig zu durchschauen. Sie beginnen mit etwas, das als „dharam jagran“ (religiöses Bewusstsein) bezeichnet wird, verschaffen sich eine Gruppe von Christen oder Muslimen, um zu sagen, dass sie zum „wahren Glauben“ ihrer Vorfahren zurückkehren wollen. Doch kaum jemand tut das freiwillig: Etliche werden bestochen, andere gezwungen oder bedroht, und dann gibt wieder noch andere, die noch nicht einmal echte Muslime oder Christen sind, sondern die für die Veranstaltung nur „so tun“, Muslime oder Christen zu sein. Doch derart verfassungswidrige Handlungen werden offenbar von der indischen Bundesregierung unterstützt.

In den letzten Jahren sind die Minderheiten in Indien – besonders Christen, Muslime und Sikhs – durchgängig zur Zielscheibe gemacht worden. Vor einigen Jahren wurde der australische Missionar Graham Staines mit seinen beiden kleinen Söhnen in Orissa zu Tode verbrannt. Von 1998 bis 1999 wurden Christen und ihre Kirchen in mehreren Teilen des Bundesstaates Gujarat und vor ein paar Jahren in Orissa und Karnataka überfallen. Der Verband Sangh Parivar hat das Schreckgespenst der „erzwungenen Konversionen“ aufgebracht. In den letzten Jahren sind in Chhattisgarh (2000), Gujarat (2003), Himachal Pradesh (2006) und Rajasthan (2008) Anti-Bekehrungsgesetze verabschiedet worden. Eines der Themen, das von der BJP 2014 bei ihrem Wahlkampf eingesetzt wurde, war das „Bekehrungsproblem“, und es hat sich für sie ausgezahlt.

Seitdem Modi die Regierung übernommen hat, hat sich die Situation für Indiens Minderheiten immer weiter verschlechtert. Vor zehn Tagen wurde die katholische St.-Sebastians-Kirche in Dehli in Brand gesteckt; eine weitere Kirche wurde während der Messe mit Steinen beworfen, und in einem Kloster wurde eingebrochen. In Chhattisgarh, Tamil Nadu, Madhya Pradesh und anderen Teilen des Landes wurden Christen überfallen und zusammengeschlagen. Verantwortlich für all das waren rechte Hindu-Fundamentalisten. Wenige Tage später machte Sadhvi Niranjan, Ministerin der Union, äußerst abfällige Bemerkungen über die Minderheiten, als sie sagte, dass man „Ramzaadon“ (Rams Kind) sein müsse, wenn man in Indien lebe, ansonsten sei man „Haraamzaadon“ (ein illegitimes Kind). Einige Tage später erklärte eine andere Politikerin, die Außenministerin Sushma Swaraj, dass das heilige Buch der Hindus, die Bhagavad Gita, als Indiens „Nationalschrift“ bezeichnet werden sollte. Es gibt mehrere Fälle, bei denen die RSS und der Hinduistische Weltkongress Christen und Minderheiten total eingeschüchtert und schikaniert haben.

In Indien wird mit aller Macht versucht, den Eindruck zu erwecken, die Regierung sei zu ihrem Tun von der Mehrheit der Bevölkerung beauftragt. Bis jetzt hat man bei den Wahlen damit kurzfristig Gewinne eingefahren. Die Rettung besteht jedoch in der enormen Vielfalt Indiens, und es ist dieses Gewebe des Pluralismus, der das Land zusammenhält – außer der indischen Verfassung, die mit den Prinzipien des Säkularismus und der demokratischen Werte vermählt ist, stützt sie sich auf die vier Ideale der Gerechtigkeit, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dennoch besteht für die große Mehrheit der Inder im Besonderen und für die ganze Welt im Allgemeinen die dringende Notwendigkeit, aufzuwachen und umgehend auf die heimtückischen Pläne jener zu reagieren, die entschlossen zu sein scheinen, den pluralistischen religiösen und demokratischen Traditionen Indiens den Todesstoß zu versetzen.

>> aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

>> Informationen zu Indien und den missio-Projekten in Indien, finden Sie hier

>> Fr. Cedric Prakash  führt einen eigenen Blog zum Thema Menschenrechte in Indien:  www.humanrightsindia.in

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