Tag-Archiv für Irak

Irak: Vom freigelassen

Pater Jacques Mourad kämpft ungebrochen für ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen.

Pater Jacques Mourad kämpft ungebrochen für ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen.

Pfarrer Pitzal konnte sich bei seinem Besuch im Irak mit missio-Projektpartner Pater Jacques Murad unterhalten, der vom IS gefangen genommen und gefesselt wurde. Er musste das Kloster Marmusa in Syrien verlassen. Pater Jacques wurde zusammen mit einem Novizen in das berüchtigte, von den IS geleitete Gefängnis Raka gebracht.

Er berichtete, wie er sich jeden Tag den langen Verhören der IS stellen musste, die immer mit der Drohung endeten, dass er enthauptet werden würde. Nach drei Monaten wurde er dann in das Gefängnis nach Palmyra verlegt. Es ist ja jene Kulturstätte, die in aller Welt bekannt ist und von den IS zum Schrecken der Welt weithin zerstört wurde. Sein Gefängnis war ein Bad, wo er wenigstens die Möglichkeit hatte, an Wasser zu kommen. Alles, was die IS ihm zu sagen hatte, endete mit dem Satz „Es geschieht im Namen Gottes“, doch ihre Gesichter zeigten nur Gewalt. In diesem Gefängnis sollten wohl auch Pater Paul und der Bischof von Aleppo und ein weiterer Bischof sein, von ihnen fehlt jedoch noch jede Spur.

„In jenem Gefängnis bist du nichts wert“, sagte Pater Jacques zu Franz Pitzal. „Man befindet sich immer außerhalb des Menschlichen. Erst jetzt merkt man, was Freiheit ist, was sie für das Leben der Menschen bedeutet.“ Zu seiner Überraschung kamen in das Gefängnis nach Palmyra die gesamten Bewohner seiner Heimatgemeinde. Das gab ihm Stärke, wie er sagte. Er war nicht mehr der Einzige, der dem Tode nahe war und letzten Endes baute er auf die Zuversicht, die er in Jesus Christus bekommt.

Wie ein Vogel eingesperrt kam ich mir hier vor. Du bist zwar frei erschaffen, hast aber das Wichtigste verloren – deine Freiheit.

(Pater Jacques)

Einen Monat war er dann allein in einem Raum, bevor dann noch drei Muslime dazukamen. Man teilte miteinander Traurigkeit und Leid. „Ich war mir bewusst, hier muss ich sterben. Aber das machte mich immer freier und ich sah vor mir das Meer der Gnade und fühlte mich jetzt im Angesicht Gottes.“ Das Materielle zählte plötzlich nichts mehr für ihn, ob am Boden schlafend, ob mit oder ohne Seife versorgt. Täglich betete er den Rosenkranz, der ihm viel Kraft gab, um auch die Not seiner Mitgefangenen zu teilen. Er erinnerte sich noch, wie er am 11. August 2015 in Palmyra zu einem erneuten Verhör geführt wurde. Er meinte, dass jetzt in einem kleinen Zimmer durch die Mitteilung des Kalifen sein Schicksal besiegelt würde. „Trotzdem“, so sagte er, „hatte ich keine Angst mehr.“ Denn seine Gemeindemitglieder waren ja mit dabei und ihnen würde wohl das gleiche geschehen wie ihm. In der Gemeinsamkeit ist es leichter, das eigene Leid zu ertragen. „Angst macht nicht stark“, sagte er. „Die Stärke liegt in der Schwachheit.“ Und in diesem Moment des Verhörs, schwand bei ihm alle Angst und es war ihm bewusst, was er sagen würde. Man stellte ihm die Frage nach den Christen in seiner Heimatgemeinde. „Und ich hatte den Mut, nach dem Warum zu fragen. Da gab man mir zur Antwort: „Weil Ihr Christen das Angebot Waffen zu bekommen, abgelehnt habt, werdet ihr freikommen.“ Wir konnten dies gar nicht glauben. Wir durften aus dem Strom der Gewalt aussteigen. Es gibt auch noch Menschen unter den Milizen, die anders denken und die humanitäre Hilfe der Kirche akzeptieren.“ Und so ist er mit seinen Gemeindemitgliedern zurückgekehrt. „Wir durften wieder frei leben. Als wir daheim angekommen waren, wurde unser Ort von den Russen bombardiert. Wir sahen wieder keine Zukunft vor uns. Ich überlegte, was ich tun sollte.“, sagte Pater Jacques. „Vielleicht kann ich von außen mehr für diese Menschen tun.“ Ein Mitbürger kannte einen geheimen Weg und so kam er am 1.September mit einem Motorrad aus dem Bombenhagel seiner Heimat heraus in den Irak.

Ein weiteres Erlebnis hatte er noch mit der IS, die ja bewusst alle Gräber zerstören, weil Gräber Gotteslästerung seien. Es starb ein Christ und die IS baten ihn, er solle diesen Christen beerdigen. Dies war völlig ungewöhnlich und zeigte, dass sie zu ihm sogar Vertrauen hatten.

Jetzt, nachdem er im Irak ist, versucht er, für die Menschen in seinem Heimatort Hilfestellung zu geben. Die IS ist eine Gruppe, die sich von allen absondert. Sie ist eine kriminelle Gruppe, das ist keine Frage, aber sie können auch anders handeln. Von den Russen erwartet Jacques nichts. „Sie zerstören alles, auch unser Kloster. Sie schützen die Christen nicht.“ Sein größter Schmerz sind jene Christen, die lügen und nicht die Wahrheit sagen. Für mehr Menschlichkeit und Stärke möchte er eintreten, bescheiden, ruhig, zurückhaltend, wie er auf Pfarrer Pitzal wirkte.

 

 

Zur aktuellen Lage im Nord-Irak

A. Nissan, Direktor der Caritas Irak, berichtet über die aktuelle Lage im Irak.

Das Gebäude des Caritas Zentrums in Bartella wurde stark beschädigt.

Das Gebäude des Caritas Zentrums in Bartella wurde stark beschädigt.

Caritas Irak verfolgt sowohl die aktuelle Situation im Nord-Irak als auch die Kämpfe um Mossul weiter. Kürzlich befreite Gebiete werden ebenfalls beobachtet.

Caritas Irak hat ein Team gebildet, das die befreiten Gebiete besucht. Ziel des Besuchs ist es zu erfassen, wie groß die Zerstörung ist. Außerdem soll er darauf vorbereiten, wie der Wiederaufbau der Regionen aussehen soll, nachdem sich die Lage beruhigt hat und die Bomben und Minen entfernt wurden.

Hier ist eine kurze Zusammenfassung des Besuchs:

- Folgende Regionen wurden besucht:

Qaraqosh (Christliche Region in der Ninive-Ebene, 30 km südöstlich von Mossul entfernt )

Bartella (Christliche Region in der Ninive-Ebene, 27 km östliche von Mossul)

Telluskuf (Christliche Region in der Ninive-Ebene, 25 km nördlich von Mossul)

Baqofah (Christliche Region in der Ninive-Ebene, 25 km nördlich von Mossul)

So sieht das Caritas Center nach dem Befreiungskampf um Karakosch aus.

So sieht das Caritas Center nach dem Befreiungskampf um Karakosch aus.

Das Ausmaß der Zerstörung variiert und könnte einen Durchschnitt von 40-45% erreichen.

  • Die Infrastruktur muss erneuert werden (Wasser und Elektrizitätsnetzwerk)
  • Die Hauptstraßen sind zerstört
  • Einige der Familien haben ihre Heimatdörfer/Städte besucht, um nachzuschauen, ob ihre Häuser noch stehen. Die meisten mussten feststellen, dass ihre Häuser zerstört wurden. Viele von ihnen sind der Überzeugung, dass sie nicht mehr heimkehren können. Erst wenn die Restauration und der Wiederaufbau der befreiten Regionen abgeschlossen ist, wollen sie wieder zurück.
  • Caritas Irak hat eine Statistik erstellt, in der festgestellt wurde, dass 80% der Menschen zu ihrem Zuhause zurückkehren wollen. Bedingung ist, dass sie genügend Sicherheit haben und unter normalen Lebensbedingungen leben können.
Verwüstung und Zerstörung herrschen derzeit im Nord-Irak.

Verwüstung und Zerstörung herrschen derzeit im Nord-Irak.

 

Das Team besuchte die zwei Zentren von Caritas Irak, in Karakosch und Bartella. Die Schäden liegen ungefähr bei 50 %.

Caritas Irak plant …

… die notleidenden Familien weiterhin auf verschiedenen Wegen zu helfen

… spirituell und moralisch zu unterstützen

… die beiden Zentren neu zu eröffnen, wenn die Rechtslage geklärt ist und die Einwohner wieder zurückkehren

 

Botschaft des Friedens nach der Befreiung von Karakosch

2010-06-16 Erzbischof Casmoussa (1)Nach der Befreiung der Stadt Karakosch im Norden des Iraks, erreichte uns eine Botschaft von Basile Georges Casmoussa. Er ist syrisch-katholischer Geistlicher und Kurienerzbischof Emeritus von Mossul.

Freunde von Karakosch und alle Christen in der Mossul-Ninive Region: dies ist eine Botschaft des Friedens, der Freude und der Hoffnung!

Endlich konnte Karakosch befreit werden. Ein Schrei der Freude, des Friedens und der Hoffnung erklingt auf der Welt! Wir danken der mutigen Armee, muslimischen, christlichen, arabischen, kurdischen, schiitischen, sunnitischen Männern dafür, dass Karakosch befreit wurde.

Am 22. Oktober 2016, sind die Kämpfer, mit ihrer irakischen Flagge, in die verlassene Stadt ihrer Kinder zurückgekehrt. Wir sehen das Bild eines tapferen Soldaten, der gerührt ist und nach langer Zeit endlich seinen Fuß auf heimatlichen Boden setzen kann. Wir sehen das Bild eines anderen Soldaten, der seine Waffe auf seiner Schulter trägt, das Eingangstor der Kirche küsst, die er als Kind besucht hat. Wir sehen das Bild einer Offiziersgruppe, die vor dem Alter der Kirche steht  und das Ave Maria „Shlama ellakh Maryam” in ihrer Muttersprache mit einem aramäischen Dialekt noch aus christlicher Zeit spricht.

Oder wir sehen das Bild eines jungen Priesters, der die Glocken der Kirche von Bartella, einer anderen Stadt in der Ninive-Ebene, erklingen lässt.

Diese Bilder sollen für immer in Erinnerung bleiben. Meine Botschaft ist eine Botschaft der Dankbarkeit, auch an die Kurden, die uns während dieser schwierigen Zeit Zuflucht gewährt haben und diejenigen, die uns auf anderem Wege geholfen haben. Danke für die Befreiung von Mossul, Bartella, Mar Behnam, Karamless, Telkeif, Batnaya, Bashiqa, Telleskof, Bakofa – Danke für die Befreiung der Ninive-Ebene.

Meine Botschaft ist eine Botschaft der Dankbarkeit an all unsere Freunde, unbekannte Männer und Frauen auf der ganzen Welt, die uns durch ihre Solidarität unterstützt haben, seit dem Beginn des Krieges bis heute. Dazu gehören die humanitäre Hilfe, der Bau von Schulen, Kirchen, Häusern und Krankenhäusern und der Besuch von Persönlichkeiten verschiedener NGOs aus Europa, Amerika und Australien.

Das Kapitel des Wiederaufbaus, des Zusammenlebens in Harmonie und Solidarität hat begonnen: zwischen Christen und Muslimen, Kurden, Arabern, Shabaks, Jesiden, Kakais und Mandais… mit Respekt, Vielfältigkeit und geltenden Rechten. Alle von ihnen haben die gleiche Wertigkeit, die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten!

Hallelujah!

Basilios Georges CASMOUSSA                                                                                      Kurienerzbischof Emeritus von Mossul

Christliche Stadt Batnaya in der Nähe von Mossul wurde befreit

Die Stadt Bataya, in der viele Christen leben, konnte bereits vom IS befreit werden.

Die Stadt Batnaya, in der viele Christen leben, konnte bereits vom IS befreit werden.

Die Offensive gegen Mossul dauert an. Zwar sind die irakischen und kurdischen Einsatzkräfte während der letzten Tage weit ans Zentrum der Stadt vorangerückt, doch die IS-Kämpfer nutzen neue Strategien, um die Offensive abzuhalten noch näher zu kommen. Nabil A. Nissan, Direktor der Caritas Irak, berichtet über die aktuelle Lage im Irak.

Die irakische Armee und die kurdischen Einsatzkräfte rücken aus fünf verschiedenen Richtungen weiter zum Zentrum von Mossul vor. Bis jetzt sind über 30 Städte und Dörfer in der Umgebung um Mossul befreit worden. Darunter waren auch sechs christliche Städte:

 

Region Position Bevölkerungszahl vor 2014 (Besetzung durch den IS)
Qaraqosh 27 km von Mossul entfernt 60 000 Personen
Bartilla 22 km von Mossul entfernt 30 000 Personen
Karamless 24 km von Mossul entfernt 8000 Personen
Batnaya 15 km von Mossul entfernt 2000 Personen
Bakofa 20 km von Mossul entfernt 1500 Personen
Telluskuf 25 km von Mossul entfernt 5000 Personen

 

Die Einsatzkräfte dringen weiter vor, obwohl der Widerstand wächst. Einige von ihnen sind schon drei Kilometer von Mossul entfernt. Die IS Kämpfer halten die irakischen Kräfte hin und hindern sie durch Autobomben und Minen daran, schneller vorrücken zu können. Die IS-Kämpfer bauen außerdem Tunnel um flache Ebenen, die einen Angriff seitens der irakischen Armee vereinfachen würden, zu vermeiden.

Die Stadt Batnaya nach ihrer Befreiung.

Die Stadt Batnaya nach ihrer Befreiung.

Eine neue Taktik ist die als Geisel genommenen Zivilisten als Schutzschild zu benutzen. Letztens haben sie 6000 Menschen gefangen genommen – die meisten davon Frauen und Kinder.

Viele Gebäude wurden während der Kämpfe stark beschädigt.

Viele Gebäude in Batnaya wurden während der Kämpfe stark beschädigt.

Die Kampfmaßnahmen haben zur Folge, dass rund 7000 Familien flüchten mussten. Die meisten davon sind zurzeit in staatlichen Camps, die sich in sicheren Gebieten um Mossul herum befinden.

Bei IS-Angriff auf Kirkuk 71 Mädchen aus katholischem Studentenwohnheim gerettet

Mirkis

missio-Projektpartner Mgsr. Yousif Thomas Mirkis ist seit 2014 Chaldäischer Erzbischof vom Erzbistum Kirkuk-Sulaimaniya.

Bei den Kämpfen gegen den sogenannten “Islamischen Staat” im Nord-Irak haben die Terroristen die Stadt Kirkuk angegriffen. Dabei kamen auch Einrichtungen von missio-Projektpartner Monsignore Yousif Thomas Mirkis, Chaldäischer Erzbischof des Erzbistums Kirkuk-Sulaimaniya, unter Beschuss. 71 Mädchen konnten wie durch ein Wunder gerettet werden. Hier berichtet er über den Angriff.

Aus dem Französischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

In der Nacht vom Donnerstag, den 20. Oktober, auf Freitag, den 21. Oktober2016, wurde die Stadt Kirkuk im Irak von einer bedeutenden Gruppe von Terroristen (Daesh) angegriffen, die auf das Gouvernorat und die Gebäude der Polizei und der Sicherheitskräfte abzielten. Doch angesichts des starken Widerstands der Sicherheitstruppen flüchteten sich die Terroristen in die umliegenden Häuser.

Unter diesen Bauwerken, die das Gouvernorat umgeben, befand sich der Konvent der Dominikanerinnen der heiligen Katharina von Siena sowie vier Häuser, in denen unser Bischofsamt Universitätsstudenten untergebracht hatte. Unsere Erzdiözese der Chaldäer nimmt ja seit drei Jahren geflüchtete Schüler unseres irakischen Volkes sowie aus allen Denominationen auf: Christen (nicht nur Chaldäer!), Jesiden, Muslime sowie Sabäer – bis jetzt sind es mehr als 500 Studenten und Studentinnen, die aufgenommen wurden.

In diesen vier Häusern gab es 71 Studentinnen, die sich darauf vorbereiten, Universitätskurse in verschiedenen Studienrichtungen an den dreizehn Fachbereichen zu beginnen, die an der Universität von Kirkuk angeboten werden.

So sah das Studentenwohnheim der chaldäischen Kirche im nord-irakischen Kirkuk nach dem Angriff der Terroristen des sogenannten "Islamischen Staates" von außen aus. Foto: missio / Mirkis

So sah das Studentenwohnheim der chaldäischen Kirche im nord-irakischen Kirkuk nach dem Angriff der Terroristen des sogenannten “Islamischen Staates” von außen aus. Foto: missio / Mirkis

Wir haben einen Mitarbeiter, der sich um die Studenten und die vertriebenen Menschen in der Diözese kümmert, nach den Geschehnissen befragt, worauf er folgendes zur Antwort gab: „Am Morgen des Freitags (21. Oktober), bemerkten die Studentinnen, dass Leute an den Häusern hochkletterten, sich in den Gärten aufstellten und anfingen, zum muslimischen Gebet aufzurufen. Eine Studentin hat einen der mit einem Sprengstoffgürtel stark bewaffneten Männer sogar fotografiert. Wir haben die Sicherheitskräfte über den Ernst der Lage benachrichtigt. Die Studentinnen sind den ganzen Tag über angsterfüllt in den Häusern ohne Strom bis zum Abend geblieben, als der Sturmangriff durch die irakischen Spezialeinheiten unternommen wurde, doch das Trommelfeuer war in allen Richtungen derart heftig, dass sie nicht befreit werden konnten. Ich habe einen Plan für die Rettung der Mädchen des ersten Hauses gemacht – sie waren zu vierzehnt – und das trotz der Scharfschützen auf den Nachbardächern. Dann sind wir um 2:00 Uhr morgens zurückgekehrt, um die zweite Gruppe Mädchen zu retten, die zu siebent waren. Doch das Gefährlichste war, dass sich vier Terroristen bereits im selben Haus befanden, in dem sich die sieben Mädchen in einem angrenzenden Zimmer versteckt hatten. Während die Terroristen aßen und tranken, sind die Mädchen unter den Betten geblieben, und der Herr hat die Terroristen geblendet. Da ich mit dem Handy mit den Mädchen in Kontakt war, ging ich das Risiko ein und bat sie, barfuß an die Mauer an der Rückseite des Hauses hinauszukommen, von wo wir sie nacheinander abholen wollten. Das musste innerhalb einer Minute passieren, und so geschah es auch. Die Mächte, die mit mir waren, waren von beispielhafter Energie und vorbildlichem Mut. So sind im Dunkel der Nacht und trotz der Schüsse, die unablässig um uns herum fielen, alle gerettet wurden.

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Warnung vor Racheakten im Irak und Aufruf zur Wiederversöhnung nach der Offensive gegen den IS

Pater Jens Petzold hilft seit vielen Jahren Flüchtlingen, die wegen des Krieges im Irak Zuflucht und Schutz suchen.

Pater Jens Petzold hilft seit vielen Jahren Flüchtlingen, die wegen des Krieges im Irak Zuflucht und Schutz suchen.

Rund zwei Millionen Muslime, die meisten davon Sunniten, haben Schutz in der kurdischen Region des Iraks gefunden. In den nächsten Monaten wird noch eine weitere Million Sunniten wegen der Offensive gegen den IS in Mossul in diese Region fliehen müssen. missio-Projektpartner Pater Jens Petzold berichtet von der Situation vor Ort. 

Menschen müssen vor den Angreifern fliehen, die ihrer eignen Religion angehören. Vergleichen kann man die Situation mit dem ersten Weltkrieg als die zwei großen katholischen Nationen, Italien und Österreich, einen blutigen Krieg führten.

Die Zivilbevölkerung, die in Mossul geblieben ist, folgt nicht zwangsläufig den Überzeugungen des IS. Wenn diese Menschen nicht unmittelbarer Bedrohung ausgesetzt sind oder waren, bleiben sie in ihren Häusern und ihrem Eigentum. Mit der Wiedereroberung Mossuls könnten sie aber in großer Gefahr sein. Wir fragen uns warum die Menschen sich geweigert haben gegen den IS zu kämpfen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir normalerweise nicht ideologisch sondern pragmatisch handeln. Wir sind bereit dazu ein Teil unserer Freiheit aufzugeben, wenn wir im Austausch ein „normales“ Leben führen können.

Unsere Aufgabe ist es im Moment die Opfer und Betroffenen aufzufangen und zu versorgen. Natürlich müssen die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, jedoch können die Opfer des Krieges nicht durch Bestrafung wieder zum Leben erweckt werden, deswegen ist die Wiederversöhnungsarbeit von zentraler Bedeutung für die Zukunft des Landes. Gerechtigkeit, die eigentlich Rache ist, würde der Logik des IS folgen. Bei so einem Verständnis von Gerechtigkeit gibt es keinen Platz für Wiederversöhnung. Auch wenn wir eine Art Befriedigung durch die Bestrafung der Schuldigen empfinden würden, würde das dem Prozess der Wiederversöhnung nicht helfen. Wenn wir gemeinsam für eine Zukunft Iraks und Syriens arbeiten wollen, müssen wir den Weg der Vergebung gehen.

Als Christen wissen wir, dass Wiederversöhnung nicht durch bloßes Vergessen geschieht. Vergebung und Wiederversöhnung geschehen dadurch, dass sich die Bevölkerung des Leids und Schmerzes bewusst wird. Es ist ein schwieriger Weg von den Opfern des Krieges zu verlangen, dass sie ein friedliches Leben mit ihren Angreifern führen. Dies ist nicht nur ein schwieriger Schritt für die Opfer, sondern auch für diejenigen, die Schuld am Krieg tragen. Sie müssen sich ihren Taten stellen und die Vergebung akzeptieren.

Seitdem das Christentum großen Wert auf die Wiederversöhnung, die auf dem religiösem Glauben basiert, legt, können die Christen im Mittleren Osten viel für den Irak und Syrien tun. Mit der Hilfe der Christen weltweit, können die Christen des Mittleren Ostens Kraft und Mut für die Wiederversöhnungsarbeit ihres eigenen Landes schöpfen.

Hilfsorganisationen bauen Lager auf, um künftige Flüchtlinge zu empfangen. Es wird geschätzt, dass ca. 750.000 bis 1,5 Millionen (größtenteils sunnitische) Flüchtlinge in die kurdische Region des Irak im Zuge der Mossul-Offensive fliehen werden. Zum ersten Mal werden diese Camps geschlossen sein. Wer dort aufgenommen wird kommt dort vorerst nicht wieder raus. Dies aus zwei Befürchtungen heraus.

1. Weil diese Menschen unter IS in den besetzten Gebieten geblieben sind, wird ihnen vorgeworfen Kollaborateure zu sein. Ergo sind Vergeltungsschläge von anderen Vertriebenen und von Kurden möglich also müssen die Lager geschützt werden.

2. Vermutet man, dass neben Deserteuren vom IS auch Schläferzellen mit in die Lager sich einschleusen. Deshalb möchte man erst einmal die Identität von den neuen Vertriebenen abklären bevor man sie in das Kurdische Territorium lässt.

Ich hoffe sehr, dass diese Lager und die Kampfhandlungen sehr genau beobachtet werden, da durch die Wut, die sich in den letzten Jahren gegen den IS angesammelt hat, die Gefahr der Kriegsverbrechen der “Guten” sehr hoch ist.

Aleppo wird nach wie vor bombardiert. Die meisten Opfer sind Zivilisten.

Ich bitte Sie darum für die Ärzte und Helfer, die immer noch in der belagerten Stadt sind zu beten.

Ich bitte Sie darum für die syrische und irakische Bevölkerung zu beten.

Ich bitte Sie darum für Einsicht, die die Spirale der Gewalt beenden kann, zu beten.

Zum Schluss möchte ich Sie darum bitten für die Kämpfer, Soldaten und die militärischen Führer zu beten, auf dass sie inmitten der Kämpfe die Stärke besitzen moralisch richtige Entscheidungen zu treffen.

 

 

Aktuelle Lage im Nord-Irak

Noch wird Mossul von der Terrormiliz IS beherrscht, doch kurdische Kämpfer und die irakische Armee rücken immer weiter vor. Missio-Projektpartner Pater Emanuel Youkhana fasst die Situation vor Ort zusammen.

Die irakische Armee und kurdischen Peschmerga-Kämpfer kommen der Stadt Hamdaniya immer näher. Hier leben die meisten Christen des Landes. Vor der Besetzung durch den IS waren es 50.000 Menschen, die hier lebten. Die Truppen konnten bereits den Abschnitt auf der Hauptstraße zwischen Hamdaniya und Bartella, die nach Mossul führt, wiedergewinnen. Die Luftangriffe und der Beschuss sind abgeklungen. Wir hoffen, dass Hamdaniya und Bartrella bald befreit werden können. Wir hoffen ebenfalls, dass ein weiterer Einsatz Bashiqa befreien kann. Insgesamt konnten heute 200 km² von den IS-Gruppen befreit werden.

Wir befürchten aber nun, dass der IS die Infrastruktur, die Kirchen und weitere öffentliche und private Grundstücke zerstören wird.

Die Peshmarga-Kämpfer und die irakische Armee befinden sich zurzeit in Nineveh Plain, 10 km von Mossul entfernt. 35 km südlich von Mossul befindet sich die irakische Armee. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Befreiungskampf um Mossul nicht beginnt, bevor nicht alle Kräfte in der Nähe von Mossul sind (sowohl im Norden als auch im Osten und Süden). Im Westen gibt es keine Einsätze, da durch dieses Gebiet der Fluchtweg des IS nach Syrien führt. Viele Theorien besagt, dass dieser Weg absichtlich nicht mit Einsatzkräften besetzt ist. Wenn die IS-Kämpfer über diesen Weg fliehen sollten, könnten sie nämlich durch Luftangriffe angegriffen werden.

Die Defensive seitens des IS ist schwächer als gedacht. Sie begehen Selbstmord, legen Autobomben und bombardieren die Straßen, damit das Militär nicht vorankommt. Wir denken nicht, dass der IS in der Umgebung um Mossul herum kämpfen wird, eher im westlichen Teil der Stadt.

Masoud Barzany, Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, besuchte die Frontlinie in Khazir. Während einer Pressekonferenz lobte er die gute Zusammenarbeit zwischen den Peshmarga-Kämpfern und der irakischen Armee.

Wir erwarten eine Massenflucht aus Mossul während der nächsten Tage. Sobald die Truppen vorrücken. Die UN und die irakische Regierung klagen außerdem über den Mangel an Versorgungsequipment.

Lasst uns für die unschuldigen Menschen beten und darauf hoffen, dass dieses dunkle Kapitel der Geschichte bald ein Ende findet.